Wien/Berlin.

Günter Grass wurde aufgrund seiner Kritik an Israel auch schon in der Vergangenheit immer wieder Antisemitismus vorgeworfen. - © FABIAN BIMMER
Günter Grass wurde aufgrund seiner Kritik an Israel auch schon in der Vergangenheit immer wieder Antisemitismus vorgeworfen. - © FABIAN BIMMER
(zaw) "Die Atommacht Israel gefährdet den ohnehin brüchigen Weltfrieden" - mit Zeilen wie diesen sorgt Literaturnobelpreisträger Günter Grass für reichlich Wirbel im deutschen Feuilleton und lässt die Diskussion über seine SS-Vergangenheit und seine zwiespältige Haltung zum Antisemitismus neu aufflammen.

Grass veröffentlichte das Gedicht "Was gesagt werden muss" am Mittwoch sowohl in der "Süddeutschen Zeitung" als auch in der "New York Times" und der italienischen "La Repubblicca". Darin prangert der 84-Jährige an, dass Israel auf einen nuklearen Angriff auf den Iran zusteuert. Deutschland bezeichnet Grass als "Zulieferer eines Verbrechens". Die Bundesrepublik hat mit Israel gerade die Lieferung eines U-Boots des Typs "Dolphin" vereinbart. Dieses kann mit nuklearen Mittelstreckenraketen ausgerüstet werden.

Grass fordert in "Was gesagt werden muss" eine "permanente Kontrolle" sowohl des israelischen Atomarsenals als auch der iranischen Atomanlagen.

Trotz seiner Israel-Kritik wehrt sich Grass schon im Gedicht gegen den Vorwurf des Antisemitismus, schließlich sei Israel ein Land, "dem ich verbunden bin". Für den aus einer polnisch-jüdischen Familie stammenden Autor Henryk M. Broder ist das allerdings nur "das übliche verbale Vorspiel zu einem Tabubruch", wie er in "Die Welt" schreibt. "Grass hatte schon immer ein Problem mit Juden, aber so deutlich wie in diesem ,Gedicht‘ hat er es noch nie artikuliert", schreibt Broder und erinnert daran, dass Grass bis 2006 verschwiegen hat, dass er als 17-Jähriger Mitglied der Waffen-SS war.

"Gebildeter Antisemit"


Tatsächlich ist Grass’ kritische Haltung zu Israel, besonders dessen Siedlungspolitik, nicht neu - und entsprechend oft wurde ihm deshalb auch Antisemitismus vorgeworfen. Schon 1967 sorgte er bei einer Lesung in Tel Aviv für Empörung, als er meinte, der "Antisemitismus der Eltern" sei "den Kindern zum gegenstandslosen Philosemitismus" geraten.

Nun sorgt Grass also mit "Was gesagt werden muss" für einen neuen Eklat. Aus Sicht Broders ist Grass - "der Prototyp des gebildeten Antisemiten" - nun "vollkommen durchgeknallt". Für den Publizisten Ralph Giordano ist das Gedicht ein "Anschlag auf Israels Existenz".

Scharf fiel auch die Reaktion Israels aus. Für den israelischen Gesandten in Berlin, Emmanuel Nahshon, bedient Grass mit seinem Text antisemitische Klischees. Nahshon schreibt in einer Erklärung auf der Homepage der Botschaft, es sei Teil der europäischen Tradition, "die Juden vor dem Pessach-Fest des Ritualmords anzuklagen".

Dieter Graumann, Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, nennt das Gedicht "ein aggressives Pamphlet". Der Text sei unverantwortlich und eine Verdrehung der Tatsachen. Nicht Israel, sondern der Iran bedrohe den Frieden. Auch Broder kritisiert, dass Grass die iranischen Drohungen in Richtung Israel völlig ignoriert und Präsident Mahmud Ahmadinejad als "Maulheld" abtut.

Die Linke: "Grass hat recht"


Lob bekam Grass hingegen von der Partei Die Linke, der aufgrund ihrer Haltung zu Israel ebenfalls immer wieder Antisemitismus vorgeworfen wird. Deren Bundestagsabgeordneter Wolfgang Gehrcke erklärte am Mittwoch: "Grass hat recht."