Paris. Nach ihrem überraschend guten Ergebnis bei der französischen Präsidentenwahl strebt die Chefin der rechtsextremen "Nationalen Front" (FN), Marine Le Pen, ein ähnlich erfolgreiches Abschneiden ihrer Partei  bei den Parlamentswahlen an. Le Pen, die als Präsidentschaftskandidatin auf 17,9 Prozent der Stimmen gekommen war, will erstmals seit 1986 (als ausnahmsweise das Verhältniswahlrecht zur Anwendung kam) wieder FN-Abgeordnete in die Nationalversammlung bringen. Das praktizierte Mehrheitswahlrecht gibt der extremen Rechten jedoch kaum eine Chance. "Ein Abgeordneter wäre ein Sieg, zwei wären ein Triumph!", meinte deshalb die FN-Chefin.

2002 und 2007 hatte die FN zwischen der Präsidenten- und der Parlamentswahl etwa fünf Prozentpunkte verloren. Laut Umfragen kann die rechtsextreme Partei nunmehr mit 14 bis 15 Prozent der Stimmen in der ersten Runde der Wahlen zur Nationalversammlung am Sonntag rechnen. Es hängt allerdings von der Enthaltungsquote ab, die laut Umfragen etwa 40 Prozent betragen dürfte, in wie vielen Wahlkreisen sich die FN für den zweiten Durchgang qualifizieren kann.

Mobilmachung der Wähler

"Die Lage ist heute eine andere als bei den beiden vorhergehenden Wahlen", gab sich Marine Le Pen zuversichtlich. 2002 seien die FN-Wähler durch den Umstand entmutigt worden, dass der damalige konservative Staatspräsident Jacques Chirac in der Stichwahl gegen Le Pens Vater Jean-Marie 82,21 Prozent der Stimmen erhalten hatte. 2007 sei ihre Partei dagegen dem "großen Elan" zugunsten von Präsident Nicolas Sarkozy (UMP), der sich viele ihrer Themen zu eigen gemacht hatte, zum Opfer gefallen. Vor fünf Jahren hatte die FN bei der Parlamentswahl weniger als fünf Prozent der Stimmen bekommen. "Die Mobilmachung unserer Wähler, die gesehen haben, dass sie im Mittelpunkt der Politik stehen, kann die Dinge jetzt radikal ändern", betonte Marine Le Pen, die seit ihrer Berufung an die Parteispitze im Vorjahr an der "Entdämonisierung" ihrer Bewegung arbeitet.

Spaltung der Konservativen

1997 hatte die extreme Rechte ihre Kandidaten in 132 der 577 Wahlkreise im zweiten Durchgang halten können und dadurch wesentlich zur Niederlage der Konservativen beigetragen, einer Niederlage, die Chirac zu einer fünfjährigen Kohabitation mit einer linken Regierung unter dem Sozialisten Lionel Jospin nötigte. Marine Le Pen hofft, ein solches Szenario auch heuer wiederholen zu können. In Wahlkreisen, in denen der FN-Kandidat in der ersten Runde ausscheidet, will Le Pen durch ihre Wahlempfehlung ins Gewicht fallen: Falls die UMP-Kandidaten für eine Öffnung gegenüber der FN zu haben sind, wird sie eine Empfehlung zu ihren Gunsten abgeben. Mit dieser Taktik will sie die bürgerlich-konservative "Union für eine Volksbewegung" (UMP) spalten, die seit 2002 ununterbrochen regiert hat und in deren Reihen bereits Stimmen laut werden, die sich für ein Zweckbündnis mit der FN aussprechen.

Auf persönlicher Ebene liefert Marine Le Pen dem Kandidaten der Linksfront, Jean-Luc Mélenchon, in der Nordregion Pas-de-Calais ein Duell. Die 43-Jährige warf dem linken Ex-Sozialisten vor, sich für eine "Ausländerpartei" einzusetzen und den Wahlkreis "in einer Flut von Immigranten ertränken" zu wollen. Die besten Siegeschancen haben auf der rechtsextremen Liste "Rassemblement Bleu Marine" allerdings der Rechtsanwalt Gilbert Collard im Département Gard, Marion Maréchal-Le Pen, eine Enkelin von FN-Gründer Jean-Marie Le Pen, im Département Vaucluse, Louis Aliot, der Lebensgefährte von Marine Le Pen, in den französischen Pyrenäen und Florian Philippot im östlichen Département Moselle.