London. So lange war die City of London der Neid der europäischen Nachbarn und vieler anderer Völker. Die alte britische "Square Mile", die zusammen mit Canary Wharf über 400.000 Menschen im Finanzbereich beschäftigt, ist noch immer das herausragende Finanzzentrum in Europa - und neben Wall Street der wichtigste Geldumschlagplatz der Welt. Schon seit Jahrhunderten drängen sich in diesem Teil Londons Banken und Handelshäuser. Seit der "Deregulation" des Finanzgewerbes im Jahr 1986 ist die City zur vorrangigen Drehscheibe des internationalen Kapitals geworden.

Mächtige Geldströme, begleitet vom feinsten Champagner, fließen durch die Straßen rechts und links von St. Paul’s. Für das Vereinigte Königreich ist die City, vor allem nach dem sukzessiven Einbruch der industriellen Basis der Nation, zum neuen Inbegriff britischer Wirtschaftskraft geworden. Mit der Kreditkrise vor fünf Jahren sind aber die ersten Zweifel aufgetaucht. Dass der Geldstrom, auf den das Land so angewiesen ist, auch einmal versiegen könnte, ist die untergründige Angst. In diesem Sommer fragt man sich in London erstmals offen, ob die City ihren Platz an der Spitze wohl auf Dauer wird halten können. Von innen wie von außen fühlt sich der große Finanzplatz an der Themse bedroht. Den jüngste Hieb hat dabei die "Libor-Krise" um Barclays dem Selbstvertrauen der "Quadratmeile" versetzt.

Trader und Manager der britischen Bank haben offenbar jahrelang heimlich die Libor-Rate - die Interbank-Zinsen - manipuliert. Barclays zufolge soll ein Vize-Gouverneur der britische Zentralbank, der Bank of England, dazu geraten haben. Nachlässige Aufsicht über das Finanzwesen hatte die empörenden Aktionen möglich gemacht. Angeblich sollen zahlreiche Banken in den Skandal verwickelt sein.

In dieser Woche hat Barclays "Libor-Skandal" die Bastion der City wie ein mittleres Erdbeben erschüttert. Bob Diamond, Barclays Boss, musste abtreten. Vor 18 Monaten noch, bei seinem Antritt, hatte Diamond großspurig erklärt, es sei höchste Zeit für Londons Banker, "Reue und ewige Entschuldigungen" für die Kreditkrise hinter sich zu lassen. Mittlerweile weiß Barclays kaum mehr, wie es der allerneuesten Reue glaubwürdig Ausdruck geben soll. Dem liberaldemokratischen Wirtschaftsminister Vince Cable zufolge haben die Aktionen der Barclays-Leute "eine massive Jauchegrube", "einen wahren Sündenpfuhl" im Herzen des britischen Finanzwesens enthüllt. Selbst Tory-Schatzkanzler George Osborne ist nun plötzlich der Ansicht, dass dieses Finanzsystem "Habgier über alles gesetzt und unsere Wirtschaft ins Knie gezwungen hat".