London. Wenige Tage vor einem Besuch von US-Außenministerin Hillary Clinton in Belfast haben gefährliche neue Spannungen von der nordirischen Hauptstadt Besitz ergriffen. Bei Unruhen im Herzen Belfasts, an denen rund tausend Loyalisten teilnahmen, sind 18 Personen, darunter 15 Polizisten, verletzt worden.

In der Nacht auf Montag versuchten die radikalen Protestanten, das Rathaus von Belfast zu stürmen. Sie traten, teils vermummt, die Hintertür zum Rathaus ein, prügelten sich mit Wachleuten und der Polizei, attackierten städtische Angestellte und zertrümmerten am Rathaus geparkte Autos - darunter auch Fahrzeuge protestantischer Politiker. 15 Polizisten, zwei Rathaus-Mitarbeiter und ein Pressefotograf wurden bei dem Zusammenprall verletzt. Anschließend kam es an mehreren Stellen in der Stadt zu Protesten und Krawallen. In zwei Stadtteilen wurden Busse entführt und zerstört. Auch eine Kirche in der kleinen katholischen Enklave Short Strand, St. Matthew’s Catholic Church, fand sich zeitweise unter Belagerung randalierender Loyalisten.

Ende der Flaggentradition

Am Dienstag schwelten die Spannungen weiter in der Stadt. Politiker aller Parteien verurteilten die blutigen Ausschreitungen. Nordirlands protestantischer Regierungschef Peter Robinson nannte die Krawalle "unakzeptabel", warf aber zugleich katholischen Stadträten Belfasts vor, die Unruhen mit einer "dummen und provokativen Entscheidung" verursacht zu haben.

Unmittelbarer Anlass der Krawalle war der Beschluss des Belfaster Stadtrats, zum ersten Mal in der 106-jährigen Geschichte der "City Hall" den Union Jack - die britische Fahne - vom Dach des Rathausgebäudes zu nehmen. Dieser Beschluss war möglich geworden, nachdem im Sommer vorigen Jahres in der ehemaligen Protestanten-Hochburg Belfast die katholisch-nationalistischen Parteien erstmals eine eigene Rats-Mehrheit errungen hatten.

Mit ihrer Mehrheit im Rücken einigten sich Sozialdemokraten (SDLP) und Republikaner (Sinn Fein) dieses Jahr darauf, dass ein Ende der Fahnentradition "gut für mehr Gleichberechtigung und mehr Neutralität" in der Stadt sei. Die großen protestantischen Parteien, die Ulster-Unionisten (UUP) und Peter Robinsons Demokratische Unionisten (DUP), stemmten sich vehement gegen die Idee. Beide Unionisten-Parteien stehen für den Verbleib Nordirlands im Vereinigten Königreich, während Sinn Fein und SDLP für die Wiedervereinigung der Provinz mit dem Rest Irlands eintreten.

Fahne nur an 17 Tagen

Die kleine Allianz-Partei, die überwiegend aus versöhnungswilligen Protestanten besteht, schlug einen Kompromiss vor: Die britische Fahne solle weiterhin an 17 Tagen des Jahres aufgezogen werden, die besondere Bedeutung für die Unionisten haben. Eine solche Regelung ist bereits für das nordirische Regierungsgebäude von Stormont und für andere Rathäuser in der Provinz vereinbart worden. Sinn Fein, das eigentlich gar keinen Union Jack in Nordirland sehen will, stimmte dem Kompromiss zu. Der Beschluss wurde am Montagabend von Sinn Fein, SDLP und Allianz-Partei mit 29 zu 21 Stimmen gefasst. Am Dienstagmorgen wurde die Fahne vom Rathausdach genommen.

Vorwürfe an die Polizei

Aufgebrachte Protestanten wiesen die Reform aber zurück. Man wolle ihnen, riefen sie, hier doch "unser letztes bisschen Identität stehlen". Bei den Krawallen wurden Beamte der gemischtkonfessionellen nordirischen Polizei (PSNI) mit Ziegelsteinen, Flaschen und Feuerwerkskörpern angegriffen. Polizeipräsident Alan McCrum musste sich gegen den Vorwurf verteidigen, zum Zeitpunkt des Ratsbeschlusses nicht für genügend Polizeischutz gesorgt zu haben. Er habe, erklärte McCrum, im vorweihnachtlichen Belfast und nahe einem Weihnachtsmarkt "keinen eisernen Ring" ums Rathaus legen wollen.