Zagreb. Kroatien wird 2013 der Europäischen Union beitreten. Lange stellte die massive Korruption im Land die größte Hürde bei den Verhandlungen mit Brüssel dar, mittlerweile hat Kroatien auch dieses Problem gelöst - offiziell. Denn die Korruption scheint nur oberflächlich behoben zu sein. Zudem scheint Pressefreiheit mehr Etikette als Realität zu sein. Arbeitslosenrate und Unzufriedenheit der Bevölkerung steigen immer weiter an. Im Frühjahr 2011 haben tausende Menschen im ganzen Land gegen die Regierung protestiert, geändert hat sich seither jedoch wenig.

Der Ban-Jelacic-Platz liegt im Zentrum von Zagreb. Über ihn verkehren die wichtigsten Straßenbahnlinien, es gibt Märkte und daher auch Touristen. In der Mitte des Platzes thront die Reiterstatue seines Namensgebers Joseph Jelacic von Buzim, ein Kommandeur des Maria-Theresien-Ordens. An einem Ende des Platzes liegt die sogenannte "Spica", eine Aneinanderreihung von schicken Cafés. Hier sitzt man um zu sehen und, um gesehen zu werden, wie man in Zagreb zu erzählen weiß. Doch was am ehemaligen "Platz der Revolution" besonders auffällt, sind die in ihrer Anzahl doch beträchtlichen österreichischen Bankhäuser. Hypo Alpe Adria, Erste Bank, Raiffeisen Bank, ihre Namensschilder dominieren den Platz.

Anti-EU-Aktivist Pernar in Aktion. - © facebook/pernar
Anti-EU-Aktivist Pernar in Aktion. - © facebook/pernar

"Kroatien ist okkupiert", sagt Ivan Pernar. Der junge Kroate gerät schnell in Rage "Wir haben eine kroatische Nationalbank, aber wenn in unserem Land jemand einen Kredit aufnehmen will, muss unsere eigene Bank erst Geld von der EU ausleihen und wechselt die Euros in Kuna. Was macht das für einen Sinn?" Ivan Pernar ist 26 Jahre alt und Krankenpfleger. Auf eine lange Vorstellung und Smalltalk legt er wenig Wert. Sein Gesicht ist in Zagreb mittlerweile bekannt. Wenn er in einem Café sitzt oder am Hauptplatz steht und lauthals über Politik und Religion spricht und dabei gestikuliert, drehen sich Menschen nach ihm um. Doch das scheint von dem groß gewachsenen Mann mehr als gewollt zu sein, denn Ivan Pernar hat viel zu sagen. Immer wieder wiederholt er seine Standpunkte. "Nicht einmal unser Geld wird mehr im eigenen Land gedruckt, sondern in Österreich!" Pernar bittet um einen Schein, er selbst habe kein Geld dabei, und tatsächlich, in kleinen Lettern am Rande des Geldscheins ist "oebs austria" zu lesen. Auf die Frage, warum das so sei, hat er keine Antwort, zumindest keine logische. Schnellen Schrittes geht es weiter auf den St. Markus Platz hinauf. Hier ist der Sitz der kroatischen Regierung, von hier aus startete vor eineinhalb Jahren eine landesweite Protestbewegung. Oben angekommen, beginnt Pernar zu erzählen. Seine Geschichte wirkt aus seinem Mund wie das erste Kapitel einer Autobiographie eines Revolutions-Führers und auswendig gelernt.

15 Mal verhaftet

Im Februar 2011 hat Pernar einen Aufruf auf Facebook gestartet. Er sei nicht zufrieden gewesen mit der Situation in seinem Land und forderte darin die amtierende Regierung unter Jadranka Kosor auf zurückzutreten. Er teilte mit, er würde jetzt auf den Markusplatz gehen, um vor dem Regierungsgebäude zu demonstrieren. Zwei Facebook-Freunde haben ihn damals begleitet, aus zwei wurden im Laufe der darauffolgenden Monate einige tausend. Nicht nur in Zagreb, auch in Split, Dubrovnik, Dakovo und vielen anderen Städten gingen die Menschen auf die Straßen. Die konservative Regierung unter der Führung der HDZ (Hrvatska demokratska zajednica) wurde bei den letzten Wahlen durch die Sozialisten abgelöst, doch zufrieden macht das Pernar noch lange nicht: "HDZ oder Sozis, das ist alles das Gleiche, beide belügen die Menschen."

Pernar nähert sich dem Regierungsgebäude, die beiden Wachmänner am Eingang werden etwas nervös. Einer von ihnen spricht in sein Funkgerät und verschwindet in das Innere des Gebäudes, der andere wartet, sein Maschinengewehr fest in Händen. "Ich wurde bereits fünfzehn Mal verhaftet", erzählt Pernar und überkreuzt dabei symbolisch seine Hände und lächelt. Ein Hauch von Stolz ist seinem Gesicht abzulesen. Heute ist der Vater eines sieben Jahre alten Sohnes arbeitslos. Kein Krankenhaus in der Stadt würde ihn mehr anstellen, seitdem er zur Galionsfigur der sogenannten "Facebook-Proteste" geworden ist. Seine Zeit widmet Pernar seither fast ausschließlich seiner Partei, der "Savez za promenje" ("Bündnis für Veränderung), die er im April 2011 gegründet hat. Die Partei hat etwa 500 Mitglieder, eine Homepage, jedoch kein Büro. Dafür reicht das Geld nicht. Was die Partei wirklich will, ist weniger klar als das, was sie nicht will, nämlich den Beitritt Kroatiens zur Europäischen Union. "Die EU und Merkel wollen uns Vorschriften machen wie damals, als Hitler in unser Land marschiert ist. Merkel ist wie Hitler!" Diese Aussage ist die Ouvertüre einer Aneinanderreihung von populistischen Phrasen, die von Großvätern und Vätern erzählen, die in den letzten Kriegen für die Freiheit ihres Landes gekämpft haben, genauso wie er und seine Partei jetzt.