Berlin. "Haben Sie mal jemand umgebracht?" Ganz zum Schluss des Vortrags von Maik Drews, Oberleutnant zur See bei der Bundeswehr, stellt der junge Mann in der letzten Reihe des Klassenzimmers in der Carl-Zeiss-Oberschule dann doch die Frage. Seine Nachbarin prustet kurz und ruft dann anerkennend: "Du hast es echt gefragt!" Drews, 35 Jahre alt und Vater zweier Kinder, verneint. "Ich bin froh darüber", sagt er noch. Dann wendet er sich einer Schülerin weiter vorne zu und lächelt wieder sehr herzlich wie so oft in der vergangenen Stunde.

Drews hat den Schülern in Berlin lange über die Karrieremöglichkeiten bei der Bundeswehr referiert, über Dienstgrade, Einkommen, das Einstellungsverfahren. Er hat einen Freiwilligen aus der Klasse die besonders anstrengenden "Bundeswehr-Liegestütze" vormachen lassen. Drews hat von Gemeinschaftsgefühl und Teamgeist geschwärmt, erläutert, was eine Parlamentsarmee ist, einen schnittigen Film über die Bundeswehr gezeigt. Kurz war hier ein in die deutsche Flagge gehüllter Sarg zu sehen, was in diesem Zusammenhang eher Heldenbilder hervorrief als Bestürzung. Drews hat stimmungsvolle Fotos vom Hafenaufenthalt in New York in der Morgensonne an die Wand projiziert, berichtet, dass er unter anderem auf Auslandseinsatz zur Bekämpfung von Piraterie am Horn von Afrika war und auch erwähnt, dass "der Beruf des Soldaten kein alltäglicher ist, denn hier geht es auch um Gefahr für Leib und Leben".

Bundeswehr wirbt sogar auf der Hausfrauen-Messe

Tod und Leid waren sonst kein Thema. Die Schüler suchten nicht das Gespräch darüber. Und die Bundeswehr will mit solchen Veranstaltungen keinesfalls abschrecken, sondern Interesse bei den jungen Menschen wecken: Seit 1. Juli 2011 ist die Wehrpflicht "ausgesetzt". Die Bundeswehr muss sparen und auch deshalb umbauen. Auf Präsenzdiener, die durch die Pflichtzeit auf die Idee gekommen sind, bei der Bundeswehr zu bleiben, können Deutschlands Streitkräfte also nicht mehr zählen.


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Online-Test: Berufsheer oder Wehrpflicht?
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Um Nachwuchs zu finden, besucht die Bundeswehr möglichst viele Schulen, zum Beispiel an Berufsberatungstagen, und man betreibt Messestände. Regen Zulauf gibt es etwa bei der Hausfrauenmesse in Hannover, wo Mütter an den Stand kommen, um sich über Berufsmöglichkeiten für ihre Kinder zu informieren. Geworben wird auf Plakaten in der Berliner U-Bahn besonders für das Wachbataillon ("Eine Frage der Ehre") und über Kooperationen mit Radiosendern und Fußball-, Basketball- und Eishockeyvereinen. Es gibt Schnuppermöglichkeiten und eine Info-Hotline. Junge Männer und Frauen können sich für den Freiwilligen Grundwehrdienst bewerben, als Soldat auf Zeit und als Berufssoldat.

Wer geeignet wirkt, wird zu den Einstellungstestungen geladen, etwa in das neu geschaffene "Karrierecenter" in der Dahme-Spree-Kaserne in Berlin. Hier war auch Verteidigungsminister Norbert Darabos (SPÖ) im Herbst 2011 zu Gast: "Man kann sich sicher einiges abschauen." Denn in Deutschland werde "sehr professionell" daran gearbeitet, genügend Profis zum Heer zu bringen.

"Sehr gut!", ruft Oberfeldwebel Christin Kluth einer Bewerberin zu. In der Turnhalle des "Karrierecenters" wird gerade die sportliche Eignung von sechs Bewerbern getestet, die 25-jährige Claudia Kern hat den Standweitsprung geschafft und ist zudem geschmeidig aufgekommen. "Das geht schneller", neckt Kluth in zackigem Ton einen sportlich aussehenden Bewerber beim Pendellauf. Kern bewirbt sich mit zwei anderen in der Halle zum ersten Mal, sie wollte immer schon zur Bundeswehr, Deutschland und seine Bürger "sichern", sagt sie. Einer der drei, die schon einmal bei der Bundeswehr waren, hat bereits zwei Einsätze in Afghanistan hinter sich. Er will sich auf weitere Jahre verpflichten: Die Einsätze, die Kameradschaft, das seien sein "Ding".

Hohe Anforderungen statt Prekariatsarmee

Im ersten Stock des Nachbargebäudes sitzt Dienststellenleiter Ulrich Karsch, Fregattenkapitän, in seinem Zimmer, vor sich ein kleiner Computer mit Folien zur Lage und Zukunft der Bundeswehr. Die Bewerber sollen als "Gäste" behandelt werden, man könne sie nicht "vorladen", sondern müsse sie "einladen", sagt Karsch. "Wir haben eine immense Reform der Bundeswehr angestellt." Eine "Riesenumstellung" sei im Gange, sagt Oberstleutnant Peter Fleckenstein.

"Eignung und Befähigung zum öffentlichen Amte ist eine Bestenauswahl", zitiert Karsch aus der Verfassung. Man nehme eben nicht jeden. In der öffentlichen Debatte ist immer wieder von der Sorge zu hören, vom Bund anwerben ließen sich oft auch jene, die sonst keine Arbeit fänden, also nicht wirklich aus freien Stücken hier seien. Und man sorgt sich, dass die soziale Mischung fehlen könnte, zuhauf unreflektierte Kampfmaschinen von der Bundeswehr angezogen würden. "Eine Prekariatsarmee, das sind wir nicht", sagt Karsch. "Und den willenlosen Erfüllungsgehilfen brauche ich nicht." Intellektuelle Kompetenz sei wichtig.