München/Wien. (reu/dpa/red)

Um 9.56 Uhr setzte das Blitzlichtgewitter ein. Mit schnellen Schritten, verschränkten Armen und ernstem Gesicht betrat Beate Zschäpe Montagmorgen Saal A 101 des Münchner Justizzentrums. Fotografen drehte die Hauptangeklagte im Prozess gegen die Terrorvereinigung "Nationalsozialistischer Untergrund" (NSU) den Rücken zu, bis die Kameraleute aus dem Gerichtssaal gebeten wurden.

Erstmals bekam die Öffentlichkeit ein Bild abseits der im Vorfeld von den Behörden freigegebenen Fotos. Sie sah eine Frau, der vorgeworfen wird, an der Ermordung von zehn Personen zwischen 2000 und 2007 beteiligt gewesen zu sein. Acht türkischstämmige Gewerbetreibende, ein griechischstämmiger Kleinunternehmer und eine Polizistin starben. Die Ostdeutsche Zschäpe ist einzige Überlebende aus der Kerngruppe des NSU, der mehr als zehn Jahre unerkannt blieb. Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos, die die Morde ausgeführt haben sollen, erschossen sich nach ihrer Enttarnung 2011. Zschäpe gilt als logistischer Kopf des NSU, soll unter anderem bei der Beschaffung der Tatwaffe geholfen haben. Inwieweit die 38-Jährige an den Mordplänen beteiligt war, wird Kernfrage des Prozesses werden - und entscheidet, ob Zschäpe eine lebenslange Haftstrafe erhält.

Die drei Verteidiger der Rechtsextremistin nutzten gleich den ersten Prozesstag zum Angriff auf den Vorsitzenden Richter Manfred Götzl und stellten einen Antrag auf Befangenheit. Denn die Verteidiger Zschäpes müssen nach einer Verfügung des Gerichts hinnehmen, sich an jedem Prozesstag durchsuchen zu lassen. Dagegen können Vertreter der Bundesanwaltschaft, Richter und im Prozess eingesetzte Justizwachebeamte, Polizisten und Protokollführer ohne Kontrollen in das Gebäude.

In der Kritik steht der Richter seit dem unglücklichen Verfahren um die Vergabe der 50 Sitzplätze für Journalisten. Mangelndes Fingerspitzengefühl wurde dem Juristen vorgehalten, weil er zunächst keine Plätze für türkische und griechische Medien reserviert hatte - eine wochenlange Debatte folgte. Mit dem nunmehrigen Befangenheitsantrag, über den beim nächsten Prozesstag am kommenden Dienstag entschieden werden soll, wollen sich die Anwälte Zschäpes die negative Stimmung gegenüber Götzl zunutze machen. Weitere Nadelstiche sind zu erwarten.

Prozess mit 77 Nebenklägern

Neben taktischen Winkelzügen war der erste Prozesstag von Formalien geprägt, darunter die Feststellung der Anwesenheit der weit mehr als 100 Prozessbeteiligten. 77 Nebenkläger und deren 53 Anwälte sind ebenfalls bei dem Prozess beteiligt - infolge einer Gesetzesänderung so viele wie noch nie bei einem deutschen Strafprozess. Auch gilt der NSU-Prozess als das politisch brisanteste Verfahren seit den Prozessen gegen die linksextreme RAF in den 1970ern.

Während Zschäpe laut Beobachtern eher unruhig wirkte und immer wieder das Gespräch mit ihren Verteidigern suchte, gaben sich drei der vier Mitangeklagten gelassen. Ihnen wird Beihilfe zum Mord und Unterstützung des NSU vorgeworfen, darunter dem ehemaligen Funktionär der rechtsextremen NPD, Ralf Wohlleben. Anwesend waren am ersten Prozesstag auch jene beiden Männer, die bei der Bundesanwaltschaft ausgesagt haben und auf deren Aussagen sich die Anklage stützt: Carsten S. und Holger G. Letzterer versteckte sein Gesicht vor den Kameras mit Kapuzenpullover und Aktenordner.