Berlin/Wien. Lang sind die Schlangen in den Arbeitsämtern, doch Jobs sind im Süden Europas weit und breit nicht in Sicht. 27 Prozent der Griechen und Spanier sind derzeit ohne Beschäftigung, in Portugal ist die Lage mit 18 Prozent ebenfalls trist. Die Bürger suchen daher ihr Glück vermehrt im Ausland, immer öfter auch in Deutschland.

Der Zuzug nach Deutschland übertraf im vergangenen Jahr die Abwanderung um 369.000 Personen - der höchste Wert seit 1995. Während sich rund 1,1 Millionen zwischen Bad Reichenhall und Flensburg ansiedelten, verließen 712.000 Menschen das Land. Sprunghaft gestiegen ist die Zahl der Migranten aus den Euro-Krisenländern Spanien, Griechenland, Portugal und Italien. Aus allen vier Staaten migrierten jeweils über 40 Prozent mehr nach Deutschland als noch 2011; das Plus beträgt zwischen 4000 Personen aus Portugal und 12.000, die aus Italien stammen.

Politik und Unternehmen in Deutschland begrüßen diesen Trend und verstärken ihn, werben etwa gezielt um spanische Facharbeiter. Mit 5,4 Prozent liegt die Arbeitslosenquote auf einem historischen Tiefstand. Und gerade in naturwissenschaftlichen und technischen Berufen mangelt es an geeignetem Personal: Bis zu 1,4 Millionen Facharbeiter in den Bereichen Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik (Mint) könnten bis zum Ende des Jahrzehnts fehlen, lautet eine Prognose.

Trotz abflauender Konjunktur halten sich Maschinen- und Fahrzeugtechnik weiterhin gut. Während der Mangel an Akademikern im Mint-Sektor in den vergangenen Jahren etwas abgenommen hat, sind in diesem Bereich Facharbeiter besonders rar. Zudem sorgen 1,8 Millionen Pensionierungen in diesen Branchen bis zum Ende des Jahrzehnts für Bedarf an neuem Personal.

Noch aber machen Migranten aus Südeuropa nur eine Minderheit unter den Zuwanderern nach Deutschland aus. Alleine aus Polen - das die Zuwanderungs-Statistik anführt - sind mit 68.100 ungefähr so viele Personen 2012 gekommen wie aus Spanien, Griechenland, Portugal sowie Italien zusammen. Für die kommenden Jahre deutet sich daher weiter verstärkter Zuzug aus Südeuropa an. Einstweilen stammt die Mehrheit der Migranten aus Mittel- und Osteuropa. Hinter Polen liegen Rumänien, Ungarn und Bulgarien.

Migration aus Osteuropa keine "Armutszuwanderung"

Eine Debatte um Zuwanderung, insbesondere durch Rumänen und Bulgaren, entfachte der Deutsche Städtetag kürzlich; er sprach von drohender "Armutszuwanderung" in die Sozialsysteme im Zuge der Öffnung der Arbeitsmärkte für Rumänen und Bulgaren ab 2014. Die nun veröffentlichten Zahlen zur Einwanderung besagen zwar nicht, ob ein Migrant erwerbstätig ist. Laut einer Untersuchung des deutschen Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung findet aber mittlerweile jeder dritte Migrant in Österreichs Nachbarland binnen zwölf Monaten eine Stelle - Mitte der 1990er war es lediglich jeder Sechste. Bedenken zerstreut auch Herbert Brücker, Forscher am Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung gegenüber Reuters: So sei die Sozialhilfequote für Bulgaren und Rumänen mit 8,9 Prozent nur rund halb so hoch wie bei Ausländern in Deutschland insgesamt. EU-Arbeitskommissar Laszlo Andor sieht in der "Armutszuwanderung" eine Diskussion, die aus innenpolitischen Gründen aufgebauscht wird.

Auch nach Österreich hält der Zuzug an. Bereits 2011 erhöhte sich die Zuwanderung gegenüber dem Vorjahr um fast 30 Prozent, über 35.000 Personen mehr wanderten zu als ab. Die vorläufigen Daten der Statistik Austria - Ende Mai liegen die endgültigen Zahlen vor - zeigen, dass fast 400.000 Bürger aus EU- und EWR-Staaten sowie der Schweiz 2012 in Österreich lebten; ein Plus von 8,5 Prozent im Vergleich zu 2011. Mit 153.000 Personen stellte Deutschland weiterhin das Gros der Migranten aus diesem Raum.

Ungarn wandern in Strömen nach Österreich aus

Am stärksten war der Zuzug aus Ungarn. Um fast 18 Prozent auf mehr als 30.000 Bürger des wirtschaftlich schwer angeschlagenen Nachbars mit politischer Polarisierung im Lande wuchs die Bevölkerung in Österreich. Auch bei Personen aus den südlichen Krisenländern gewann Österreich an Bedeutung: Aus Portugal, Spanien und Griechenland wanderten je rund 15 Prozent mehr ein; Italien scherte dagegen mit einem Plus von lediglich sechs Prozent aus diesem Trend aus.