Bei den Verhandlungen über ein bilaterales Handelsabkommen mit den USA wird es sich beim Kapitel Landwirtschaft spießen. Die Konsumenten wollen keine genetisch veränderten Nahrungsmittel und auch kein Hormonfleisch.

Ich darf Ihnen verraten, dass das Thema Landwirtschaft in allen Verhandlungen ein Problem darstellt. Das ist nichts Neues, daran sind wir gewöhnt. Sie haben genetisch veränderte Lebensmittel oder Hormonfleisch erwähnt: Ich kann Ihnen versichern, dass wir die europäischen Gesetze und Verordnungen nicht ändern werden. Es ist ausgeschlossen, dass sich nach einem erfolgreichen Abschluss eines Handelsabkommens mit den USA plötzlich Hormonfleisch in den Regalen von Lebensmittelläden findet. Wenn die USA freilich eine Produktionslinie von Rindfleisch, das ohne Zuhilfenahme von Hormonen produziert worden ist, aufbauen, dann ist das ihr Recht. Wir werden jedenfalls nichts an unseren europäischen Verordnungen ändern.

Und was genetisch veränderte Lebensmittel betrifft?

Wir haben bereits jetzt ein Verfahren für die Zulassung von genetisch veränderten Organismen. Es sind bereits 47 genetisch veränderte Pflanzen für die Futtermittelproduktion erlaubt, zwei für den menschlichen Verzehr. Es gibt ein klares Verfahren für diesen Fall und es gibt auch die Möglichkeit, dass bestimmte Mitgliedsländer - wie etwa Österreich - die Kultivierung von genetisch veränderten Pflanzen aus bestimmten Gründen auf ihrem Gebiet untersagen.

Manager in energie-intensiven Industrien machen sich Sorgen um Wettbewerbsvorteile für US-Unternehmen, deren Energiepreise dank des Schiefergas-Booms drastisch gesunken sind.

Die EU-Kommission wacht über die Energiepreise in Europa. Erst vor Kurzem hat mein Kollege, Wettbewerbskommissar Joaquín Almunia, Anti-Trust Ermittlungen gegen den Gaskonzern Gazprom gestartet. Wir arbeiten auch an alternativen Pipelines, etwa Northstream oder Nabucco. Ein Freihandelsabkommen mit den USA würde übrigens die Position Europas, an Flüssiggas aus den USA zu gelangen, verbessern.

Hans-Christian Strache, Obmann der Freiheitlichen Partei in Österreich, sagte erst vor kurzem in einem Interview, Österreich solle den Euro verlassen. Welche Folgen hätte ein Zerfall des Euro aus Ihrer Sicht?

Nicht alle Politiker zeichnen sich durch Wirtschaftskompetenz aus: Wenn der Euro verschwinden würde - und das glaube ich nicht - dann wäre das ein eindeutiges Desaster für alle Beteiligten.

Sie haben in Wien an einer Konferenz über die Luxusindustrie teilgenommen. Welche Bedeutung hat dieser Sektor?

Europa hat hier eine dominante Position. Europa ist mit Abstand der größte Produzent von Luxusgütern, mehr als 6 Millionen Jobs hängen an dieser Industrie. Diese Industrie schafft, was in der europäischen Technologiebranche manchmal nicht gelingt: Innovationen zur Produktreife zu bringen, die man international vermarkten kann. Insofern kann man von dieser Branche lernen. Was dem Technologiesektor vor allem fehlt, ist Zugang zu Wagniskapital.

Zur Person

Karel De Gucht ist EU-Handelskommissar. Er ist Mitglied der flämischen Liberalen, war dann belgischer Außenminister zunächst unter Regierungschef Guy Verhofstadt und ab 2008 unter Yves Leterme und Herman Van Rompuy.