Zagreb. "Das einzig Gute ist, dass man vielleicht leichter Arbeit findet. Sonst sehen wir keine Änderung durch die EU." Die 18-jährige Petra spricht für sich und ihre Freundin Blanka. Die Schule gerade abgeschlossen, gehen die Zagreber Maturantinnen nächstes Jahr auf die Uni. Über die EU informiert wurden sie in der Schule kaum. Nicht im Land zu studieren kommt nur infrage, "wenn auch andere aus der Clique gehen." Wenn sie Kroatien verlassen wollte, würde sie nach Österreich gehen, sagt Petra. "Nein, Frankreich", entgegnet Blanka.

Kroatien tritt am 1. Juli der Europäischen Union bei. Medien zählen auf ihren Titelblättern die Tage bis zum Beitritt, EU-relevante Themen sind stärker präsent. Nach Ansicht vieler wird Kroatien vorläufig das letzte Land sein, das der erweiterungs- und wirtschaftsmüden EU beitritt. Obwohl Kroatien von der Europäischen Kommission grünes Licht bekam, hagelt es Kritik an der Beitrittsfähigkeit. Vor allem die kroatische Wirtschaft mit ihren 360.000 Arbeitslosen, der hohen Auslandsverschuldung und dem fünften Rezessionsjahr in Folge bereitet den anderen EU-Mitgliedern Unbehagen.

Unbehaglich ist auch Frau Dorijana zumute. Gerade hat ihre Kundin, die sich von ihr Sardellen für fünf Kuna (70 Cent) abwiegen ließ, gesagt: "Die EU bringt Regeln. Es ist gut, wenn sich alle an die Regeln halten." Die Verkäuferin in der Fischhalle am Markt in Rovinj stimmt zu, ist jedoch nicht ganz überzeugt: "Ich habe keine gute Meinung von der EU. Ich habe 15 Jahre in der Schweiz gelebt und dort wurde der EU-Beitritt immer abgelehnt. Das sagt uns doch viel", so die 48-Jährige. Mit der Schweiz hat das verschuldete Kroatien jedoch höchstens die Kredite in Schweizer Franken gemein. Das lässt die Fischhändlerin nicht gelten: "Wir sind von den politischen Eliten bestohlen worden. Würden wir nur die Hälfte davon zurückbekommen, wäre Kroatien schuldenfrei."

Ungelöste Korruption

Die Arbeitslosigkeit in Kroatien beträgt 15,9 Prozent, bei der Jugendarbeitslosigkeit würde Kroatien im EU-Vergleich mit 43 Prozent den dritten Platz belegen. Und obwohl eine Sozialstudie ergab, dass weniger kroatische Jugendliche ins Ausland wollen als in den 90er Jahren, gewinnt man im alltäglichen Leben einen anderen Eindruck. Ein Stimmungsbild zeichnet etwa die Facebook-Gruppe mit dem Namen "Junge Leute, verlassen wir Kroatien", die fast 59.000 Anhänger hat.

Tonino Picula, ehemaliger kroatischer Außenminister und ab 1. Juli EU-Parlamentarier in Brüssel, sagt: "Wir haben die Situation, dass junge Menschen tendenziell schlechter leben werden als ihre Eltern. Das ist seit dem Zweiten Weltkrieg nicht passiert. Diese Angst begründet einen Widerstand gegenüber der EU, weil die keine Garantie ist, dass es jede nachkommende Generation besser haben wird." Investitionen in Bildung seien der Ausweg der EU und Kroatiens aus der Krise, so Picula.

Investoren machen inzwischen einen weiten Bogen um Kroatien. Mit Problemen der Wirtschaftstreibenden ist Roman Rauch, Delegierter der Wirtschaftskammer Österreich in Zagreb, täglich konfrontiert: "Es heißt nicht, dass gar nichts weitergegangen ist. Aber dort, wo die Probleme bestanden haben, vor allem auf lokaler Ebene, sei es in der Administration oder der Justiz - da hören und sehen wir sie weiterhin", sagt er.

Heißt im Klartext: Korruption ist weiterhin ein Übel in Kroatien - auch wenn Rauch das so nicht formulieren würde. Mit dem Rücktritt von Kroatiens Ex-Premier Ivo Sanader im Jahr 2009 begann erst der Kampf gegen die Korruption. Das erste prominente Opfer dieses Vorhabens war auch gleich der konservative Politiker selbst: Im November vergangenen Jahres wurde Sanader wegen Amtsmissbrauchs in zwei Fällen nicht rechtskräftig zu zehn Jahren Haft verurteilt, unter anderem wegen angeblicher Annahme von Schmiergeld vonseiten der Kärntner Hypo Bank. Nach dem spontanen Jubel, der nach der Verurteilung ausbrach, regte sich auch Kritik. Es wurde die Frage gestellt, ob man angesichts des nahenden Beitritts auch ein Urteil brauchte, um Brüssel zu beeindrucken. Denn im Fall Hypo wurde weder nachgewiesen, dass Sanader Geld erhalten hatte, noch wo die Summe gelandet war. Sanader war es jedenfalls, der Kroatien auf EU-Kurs brachte. Es war seine Regierung, die den wegen Kriegsverbrechen gesuchten Ex-General Ante Gotovina an das Tribunal in Den Haag auslieferte und damit 2005 die Beitrittsgespräche ermöglichte.

Aufgrund der weitverbreiteten Korruption und der langsamen Verwaltung musste das etwa 4,4 Millionen Einwohner zählende Land Vergleichen mit Rumänien und Bulgarien standhalten und die bisher längsten Beitrittsverhandlungen hinter sich bringen. Heute ist das Bild Kroatiens in der Europäischen Union angeschlagen, was auch Premier Zoran Milanovic, dessen Mitte-Links-Regierung in Kroatien seit eineinhalb Jahren am Ruder ist, weiß. "In der EU werden wir sehr um unser Ansehen kämpfen müssen, das durch die Ereignisse der vergangenen Jahren schwer beschädigt wurde", sagte er in einer Regierungssitzung. Man werde in der Welt leider noch immer als korruptes und rückständiges Land wahrgenommen.