Belfast. Ein seltsameres Ritual als dieses wird man sonstwo in Europa schwerlich finden. Jeden Morgen um neun Uhr rollt in einem Park im Norden der Stadt Belfast ein städtischer Bediensteter in seinem Dienstwägelchen herbei, um ein Eisentor aufzuschließen und das scheppernde Ding, so weit es eben geht, zu öffnen. Das Tor findet sich mitten in einem 120 Meter langen und dreieinhalb Meter hohen Wellblechzaun, der den Alexandra Park in zwei Hälften teilt. Entlang des oberen Teils leben die örtlichen Katholiken, der untere wird von Protestanten frequentiert.

Das Tor ist der einzige Durchschlupf, der es Spaziergängern erlaubt, von einer Hälfte in die andere hinüber zu wechseln, ohne den ganzen Park umgehen zu müssen. Viel Zeit bleibt ihnen dafür nicht. Denn um drei Uhr nachmittags wird das Tor wieder fest verschlossen. Dann sind die Bäume auf der einen Seite wieder katholische Bäume und die auf der anderen protestantische. Der Kinderspielplatz am oberen Ende bleibt katholischen Kindern vorbehalten und der am unteren Ende kleinen Protestanten. Der Bach, der durch den Park fließt, wechselt auf halber Strecke, ob er will oder nicht, das Bekenntnis.

Kein Juli ohne Blutvergießen


"Man muss ja", meint ein Ortsansässiger im Trainingsanzug, "schon froh sein, dass man am späten Morgen mal mit dem Hund hinübergehen kann, zur anderen Seite." Eine junge Mutter, die ihre Kinder zum Spielplatz führt, ist allerdings auch "ganz zufrieden" damit, dass nachmittags um drei die Riegel wieder vorgeschoben werden. Sicherer sei das, sagt sie, auf alle Fälle: "Wir wollen gar nicht, dass der Zaun wieder verschwindet. Dann kommen sie nachts zurück und bombardieren uns mit Steinen und mit Flaschen. Und im Park selbst geht es neu mit Krawallen los." Das war tatsächlich über lange Jahre die bittere Realität der Parkanwohner auf beiden Seiten. Hass und Gegenhass zweier Bevölkerungsteile haben Belfasts alten Alexandra Park - wie viele weniger grüne Working-Class-Bezirke in der Stadt - zur Nahtstelle sektiererischer Konfrontation gemacht.

Rebellierende Iren und um ihren kleinen Besitzstand bangende Briten haben einander schon lange vor den nordirischen Troubles an solchen Brennpunkten in Belfast das Leben zur Hölle gemacht. Daran hat sich bis heute wenig geändert. Vor allem in den heißen Sommernächten, wenn individueller Frust sich kollektiv entladen muss. "Sie brauchen ja nur mal zur Crumlin Road hinüber zu schauen", meint die junge Frau achselzuckend. "Da sehen Sie, was passiert, wenn der Funke überspringt." Jeder Funke produziert hier ein größeres Feuer. Am vergangenen Wochenende sind bei Ausschreitungen von Loyalisten wieder Dutzende Polizisten, der unionistische Abgeordnete der Gegend und ein Pressefotograf verletzt worden.

Nach den jährlichen Märschen, mit denen die Protestanten bis heute den Sieg Wilhelms von Oranien über die Katholiken im Jahre 1690 feiern, braucht es nicht viel, um erhitzte Gemüter zum Griff nach Prügeln und Benzinbomben zu bewegen. Die Straßen werden über Nacht zu Scherben-Teppichen. Ohne Blutvergießen scheint man durch keinen Juli zu kommen.

Eben die Angst vor solchen Ausschreitungen war ursprünglich der Grund für die historische Abschottung der Viertel voneinander. Als 1969 die Spannungen in Nordirland explodierten, begann man die ersten Mauern hoch zu ziehen. Die mächtigste, "die Mutter aller Mauern", trennt bis heute die Stadtteile Shankill und Falls. Gedacht war sie als provisorische Angelegenheit. Sie werde "eine sehr, sehr kurzfristige Einrichtung" sein, gelobte noch Armee-Generalleutnant Sir Ian Freeland, der sie bauen ließ. "Wir werden in dieser Stadt keine Berliner Mauer oder so etwas dulden." Inzwischen ist die Berliner Mauer längst Erinnerung. Die Mauer zwischen Falls und Shankill aber steht unerschütterlich weiter mitten in Belfast: 44 Jahre, nachdem die britische Armee sie für nötig hielt.

Sicherheit durch die Mauer


Andere Mauern sind in anderen Vierteln hinzu gekommen. Es können Wellblechzäune sein, wie im Alexandra Park. Oder lange eiserne Gitter, wie man sie von Käfigen in Tierparks kennt. Oder Trennwände mit scharfem Stacheldrahtverhau. "Peace Walls", Friedens-Mauern, nennt man diese Grenzziehungen in Belfast. In ihrem Schatten, beteuern die Anwohner, lasse sich zumindest ohne Angst vor direkten Überfällen leben. Besonders viele gibt es im Norden Belfasts, der traditionell ein Geflecht aus kleinen protestantischen und katholischen Siedlungen ist. Hier kann man kaum ein paar Schritte gehen, ohne auf "die Gegenseite", ohne auf immer neue No-Go-Areas zu stoßen.

Von klein auf kennen es die Leute hier nicht anders. Zwei Drittel aller Teenager in diesen Gebieten geben an, "noch nie wirklich ernsthaft mit jemandem von der anderen Seite gesprochen zu haben". Nicht mal jedes zehnte Kind in Belfast geht auf eine integrierte Schule. Die anderen neun werden strikt protestantisch oder katholisch aufgezogen.