... und sehr unpopulär in einflussreichen Kreisen der SPÖ ist.

Genau das ist der Fehler der Partei. Alle Organisationen müssen - freundlich, aber doch bestimmt- herausgefordert werden. Natürlich ist das einfach für mich zu sagen. Der Wiener Bürgermeister denkt sich vielleicht, dass die "Sektion 8" den anderen Parteien argumentative Munition liefert. Es gibt aber keine Alternative zu dieser nicht immer einfachen Kooperation.

Gibt es eine sozialdemokratische Bewegung in Europa, die sich in die von Ihnen gewünschte Richtung bewegt?

Noch nicht. Aber es gibt zumindest die Bereitschaft, darüber nachzudenken. Die Finanzkrise hat dazu entscheidend beigetragen. Es gibt sogar innerhalb der G8, der größten Industrienationen, Signale. Man denke nur an die Debatte um Steueroasen.

Mit der Postdemokratie ging auch der Aufstieg rechtspopulistischer Parteien einher.

Ich bin in dieser Frage gespalten, man kann sie pessimistisch als auch optimistisch betrachten. Fremdenfeindlichkeit und Hass gegenüber Minderheiten ziehen sich quer durch die Geschichte Europas. Aus dem Rahmen fallen die zwei Generationen nach dem Nationalsozialismus, die mit Horror auf diese Zeit zurückblicken. Doch was, wenn die Menschheit wieder vergisst? Blicken Sie nur ins ehemalige Jugoslawien. Andererseits machen viele Junge bereits heute positive Erfahrungen mit einer ethnisch inhomogenen Gesellschaft. Diversität stoppt Rechtspopulismus. In Großbritannien sind Schwarze und Weiße ganz selbstverständlich miteinander befreundet. Auch in Wien sehe ich Frauen mit Kopftüchern nicht bloß in getrennten Gruppen.

Wie schätzen Sie die Lage außerhalb Europas und Nordamerikas ein?

Die Themen sind andere, aber die neuen Formen des Protestes, insbesondere dank der Sozialen Medien wie Facebook und Twitter, sind die Gleichen. Im Arabischen Frühling geht es sehr stark um Religion und Säkularisierung, was für Europäer alte Themen sind - nicht jedoch für die USA. Neu ist, dass wir einander gegenseitig intensiver betrachten. Europäer verfolgen, was in Ägypten passiert, und die türkische Gezi-Park-Bewegung nimmt sich ein Vorbild an der amerikanischen Aktion Occupy Wall Street.

Und scheitern letztlich anhand fehlender Strukturen.

Deswegen ist die Zusammenarbeit mit Parteien so wichtig.

Der Arabische Frühling brachte eine Demokratisierung in Sachen Mitbestimmung, demokratisch-liberale Werte sind jedoch ein Minderheitenprogramm. Bleibt die Demokratie westeuropäischer Prägung auf einige wenige Länder beschränkt?

Das mag sein. Gleichzeitig gibt es auch in jenen Staaten liberale Traditionen, etwa im alten Osmanischen Reich gegenüber anderen Religionsgruppen. Insofern spielt die Türkei eine Schlüsselrolle. Umso bedauerlicher ist die Haltung von Premier Erdogan gegenüber den Gezi-Demonstranten. Mich erinnert die Lage an jene von Charles de Gaulle während der 68er-Revolution. Es bleibt abzuwarten, ob die Türkei einen demokratischen Weg wie Frankreich damals wählt, oder die Repressionen weiter zunehmen.

Die Türkei unter Erdogan ist aber wirtschaftspolitisch liberal und nicht mit Frankreich der 60-Jahre vergleichbar. Hat das von Ihnen herbeigesehene Wirtschaftsmodell nicht seinen Zenit überschritten?

Neoliberalismus ist eine Rückkehr zu wirtschaftlichen Ideen zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Es gibt zwei Formen ihrer Anhänger: echte Marktliberale oder Unternehmens-Liberale, welche die Interessen von Großkonzernen vertreten. Dieser ideologische Kampf dauert weiter an. Aber wenn ich mir die Antworten auf die Bankenkrise durch OECD, Internationalen Währungsfonds und Weltbank ansehe, rücken alle von ihren extrem neoliberalen Positionen ab.

Gilt dieser Kampf auch für die USA? Dort wechseln Banker, an vorderster Stelle jene von Goldman Sachs, in Regierungsfunktionen.

Ja, die Macht von Lobbyorganisationen ist wesentlich größer. Die Diskussionen sind dennoch ähnlich.

Aber die Demokraten sind genauso wie die Republikaner von Groß-Finanzspenden abhängig.

Das ist deren Problem. Die Demokraten erhalten die Gelder tendenziell aus dem Finanzsektor und der Tech-Industrie, während die Republikaner auf den Energiesektor vertrauen können.

Unter diesen Voraussetzungen sind nur schwer Änderungen möglich.

Das fürchte ich auch. Präsident Barack Obama ist das beste Beispiel: Auch er kann sich nicht von den Geschäftsinteressen lösen. Noch viel deutlicher werden diese Probleme allerdings bei der Wahl von Kongressabgeordneten sichtbar. Deshalb setze ich meine Hoffnungen auf den Nordwesten Europas.

Wie bewerten Sie den restlichen Teil des Kontinents?

Ich sorge mich um den Südwesten. Sie fanden ihre Rolle als billige Produzenten, stehen mit dem Ende des Ost-West-Konflikts seit 1990 vor einer doppelten Herausforderung: In Zentral- und Osteuropa gibt es gut ausgebildete und gleichzeitig günstige Arbeitskräfte. Und das 2004 ausgelaufene Welttextilabkommen hat den Südländern stark zugesetzt. Die zuvor geschützte Kleidungs- und Textilindustrie wurde vor Importen aus Südostasien geschützt. Früher konnten die europäischen Länder noch ihre Währungen abwerten, um mit anderen Billig-Anbietern mitzuhalten. Mit dem Euro ging auch diese Option verloren. Das alles war absehbar, Italien und Spanien haben nicht genug getan, um dem Abstieg entgegenzuwirken. Den Griechen schlägt die Troika aus EU, Europäischer Zentralbank und Internationalem Währungsfonds vor: Reduziert eure Kosten, bis ihr wieder mit Rumänien konkurrenzfähig seid.