London. Eine Zeit lang schien es so, als bliebe Premierminister David Cameron von den Stürmen, die die Enthüllungen von Edward Snowden ausgelöst haben, weitgehend unbehelligt. Die kurzfristige Empörung über die Schnüffelprogramme, mit denen auch der britsche Geheimdienst GCHQ den weltweiten Datenverkehr großflächig überwacht, wandelte sich bei vielen Landsleuten Camerons schon bald zu einem teilnahmslosen Schulterzucken. Von der Opposition kam ebenfalls kaum Gegenwind. Die Labour Party verhielt sich fast schon ungewöhnlich still, wohl wissend, dass sich die meisten Briten bei Fragen der nationalen Sicherheit und der Terrorbekämpfung traditionell hinter die Regierung stellen. Und auch der internationale Aufschrei über die globale Ausspähung richtete sich kaum gegen Cameron, zu dominant schien hier die Rolle der USA und der NSA.

Doch der Sturm dürfte der britischen Premier nur vorübergehend verschont haben. Laut dem "Independent" hat der derzeit in Südwestengland urlaubende Cameron nämlich höchstpersönlich veranlasst, Druck auf den "Guardian" auszuüben, um weitere Enthüllungen des ehemaligen US-Geheimdienstmitarbeiters Edward Snowden zu verhindern. Den Mann fürs Grobe soll dabei Kabinettschef Jeremy Heywood, der ranghöchste Beamte Großbritanniens, gegeben haben. Er wurde laut einem von der Nachrichtenagentur Reuters zitierten Insider von Cameron gebeten, "die Sache zu regeln". Zu welchen Mitteln die britischen Behörden dabei griffen, war am Dienstag von "Guardian"-Chefredakteur Alan Rusbridger publik gemacht worden. Seiner Aussage zufolge waren vor einigen Wochen mehrere Geheimdienstmitarbeiter in die Redaktionsräume des "Guardian" marschiert und hatte dort die Journalisten zur Zerstörung von mehreren Festplatten gezwungen, auf denen brisantes Material vermutet worden war. Zwei Tage vor Rusbridgers Gang an die Öffentlichkeit war David Miranda, der brasilianische Lebensgefährte des "Guardian"-Journalisten und Snowden-Helfers Glenn Greenwald, unter Anwendung eines umstrittenen Terrorparagrafen neun Stunden lang am Flughafen Heathrow festgehalten worden.

Kritik sogar aus den USA

Das unangemessen hart wirkende Vorgehen der Behörden, das von der britischen Regierung bisher nur mit ein paar dürren Worten der Rechtfertigung kommentiert wurde, lässt nun vor allem die internationale Unterstützung für Cameron bröckeln. Kritik kommt dabei ironischerweise sogar vom engen Verbündeten USA, der in den vergangenen Wochen alle Hebel in Bewegung gesetzt hatte, um Snowden zu fassen. Es sei sehr schwer, sich ein Szenario vorzustellen, in dem es angemessen ist, dass Regierungsmitarbeiter in ein Medienunternehmen gehen und dort Festplatten zerstören, sagte Josh Earnest, der Sprecher des Weißen Hauses.