Berlin. (leg) Die Schlagzeile in der aktuellen Ausgabe der Wochenzeitung "Zeit" wirkt eigentlich gar nicht so, als sei der deutsche Wahlkampf einschläfernd: "Steinbrücks letzte Patrone", titelt da "Zeit"-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo über das nahende "Kanzlerduell", das am Sonntagabend gleich auf vier deutschen Fernsehsendern ausgetragen wird. In diesem hat SPD-Spitzenkandidat Peer Steinbrück die wohl allerletzte Chance, das Steuer im Wahlkampf vor der Bundestagswahl am 22. September doch noch herumzureißen und Boden auf die scheinbar uneinholbar führende CDU-Kanzlerin Angela Merkel gutzumachen.

Steinbrücks Ausgangslage ist denkbar schlecht: Während die Unionsparteien in Befragungen bei 41 Prozent liegen, wollten vor kurzem in einer Forsa-Umfrage nur noch 22 Prozent der Befragten die Sozialdemokraten wählen. Zwar verbesserte sich dieser Wert mittlerweile auf 26 Prozent, für die einstige Kanzlerpartei ist aber auch das nicht gerade berauschend. CDU-Chefin Merkel scheint mit ihrem Kurs der Mitte und ihrer Strategie, eine betont unaufgeregte Kampagne zu fahren - politische Beobachter sprechen von einem "Valium-Wahlkampf" -, Erfolg zu haben.

Debatte um Stefan Raab

Fast schon scheint es so, als würde Deutschland vor dem TV-Duell eher über die Moderatoren der Debatte sprechen als über die Kontrahenten selbst - vor allem über den Vertreter von ProSieben, den TV-Entertainer Stefan Raab. Dessen Politik-Erfahrung beschränkte sich bisher auf die Moderation der Show "Absolute Mehrheit". Darin diskutieren fünf Talk-Gäste, darunter auch Politiker, drei Themen mit dem Ziel, die absolute Mehrheit der Zuschauer hinter sich zu versammeln. Dem Sieger winken 100.000 Euro. Raab soll, heißt es bei ProSieben, junge, sonst eher politikferne Menschen für das TV-Duell interessieren - und damit auch dem Kanzlerduell, das 2009 eher langweilig verlaufen war, neuen Schwung verleihen.

Das gefällt allerdings nicht jedem: Dass statt der Frage, wie sich Merkel und Steinbrück schlagen, die Frage, ob Raab "auch Politik kann", immer mehr zur Hauptsache wird, stößt etwa ZDF-Chefredakteur Peter Frey sauer auf: Das Duell sei "keine Showbühne für die Mätzchen von Moderatoren". Frey entsendet die erfahrene Moderatorin Maybrit Illner, für die ARD wird Anne Will, für RTL Peter Kloeppel die Fragen stellen. Dass den beiden Diskutanten gleich vier Moderatoren gegenüberstehen, findet Illner nicht optimal: Das Format erwecke den Eindruck, "dass wir bei den Zwei-plus-vier-Verhandlungen sind".

Steinbrück will "Klartext"

Dass es bei dem Duell deshalb förmlich zugehen muss, ist dennoch nicht zu erwarten. Zu sehr unterscheiden sich die beiden Spitzenkandidaten in ihrem Auftreten: Da die bedächtige Merkel, die kaum Angriffsflächen für Attacken bietet, dort der ruppige Steinbrück, der gerne kantig formuliert und als Finanzminister der Schweiz im Streit um Steuer-CDs schon einmal die "Kavallerie" ins Land schicken wollte. Hier die stets kompliziert und etwas verschwurbelt formulierende Kanzlerin, die Publizisten bereits zu Arbeiten über eine "Linguae Merkelae" animierte. Dort Steinbrück, der auf "Klartext" setzt: Auf seiner Wahlkampfreise diskutiert er mit dem Wahlvolk bei "Klartext Open Airs", auf denen er, anders als die stoische Merkel, ums Pult tänzelt. Merkel wirft er eine "Politik des Ungefähren" vor, sie lulle das Land ein. Über sich sagt er: "Bei mir rockt es mehr!"

Steinbrücks Problem ist aber: Die Deutschen wollen sich nicht rocken lassen. Sie scheinen halbwegs zufrieden damit, dass ihre Kanzlerin sie unaufgeregt durch die Krisenjahre führt, Wechselstimmung ist keine zu bemerken. Bis jetzt sind Steinbrücks Versuche, sich über Mindestlohn- und Steuerdebatten, über Kritik an NSA-Affäre und Syrien-Politik gegen Merkel zu profilieren, weitgehend verpufft. Jedenfalls bis jetzt, bis zum 1. September.