Berlin. (klh/apa) Zumindest nach außen hin präsentiert sich die deutsche SPD so, als würde sie noch an ihren Wahlsieg glauben. So jubelten und applaudierten im Bundestag die Parteigenossen von Kanzlerkandidat Peer Steinbrück derart überschwänglich, als hätte dessen Rede eine Kehrtwende im Wahlkampf eingeleitet, als hätte die SPD plötzlich die Union, die etwa 15 Prozentpunkte Vorsprung auf die SPD hat, in den Umfragen überholt.

Es war am Dienstag die letzte Sitzung des Bundestages vor der Wahl am 22. September und somit wohl das letzte direkte Aufeinandertreffen der beiden Spitzenkandidaten. Ein sichtlich selbstbewusster Steinbrück fuhr dabei noch einmal einen Frontalangriff auf die Regierung. Merkel sei für das "tatenloseste, zerstrittenste, rückwärtsgewandteste aber vollmundigste Kabinett seit der deutschen Wiedervereinigung" verantwortlich. Visionslos habe Merkel regiert und Ernten eingefahren, die sie nicht gesät habe, sagte Steinbrück mit Blick auf die Agenda-2010-Reformen von SPD-Kanzler Gerhard Schröder.

Steinbrück trug damit noch einmal gebündelt die Vorwürfe vor, die er Merkel schon seit Wochen entgegenschleudert. Zudem zeigte er sich erzürnt darüber, dass Merkel in einem Interview der SPD Unzuverlässigkeit in Europafragen vorgeworfen hat. Dabei war es gerade die Opposition, die Merkel bei ihrer Europa-Politik die symbolisch wichtige Kanzlermehrheit gesichert haben, wenn Parlamentarier aus dem Regierungslager ausgeschert sind.

Dennoch: Die SPD findet nicht die Debatte, die derart für Emotionen sorgt, dass sie Merkel in die Enge treibt. Entsprechend unbeeindruckt gab sich Merkel nach außen hin von Steinbrücks Rede. Die CDU-Politikerin selbst war vor dem Hanseaten an der Reihe gewesen und trug jede Menge Fakten vor, die vor allem eine Botschaft umranden sollten: Deutschland geht es gut, also machen wir am Besten so weiter wie bisher.

Schlagabtausch zwischen Brüderle, Trittin und Gysi

Und auch der Koalitionspartner der Union steht für weitere vier Jahre bereit: Die FDP will mit der Union weiterregieren. Sie kommt derzeit in Umfragen regelmäßig über die Fünf-Prozent-Hürde, weshalb sich der Einzug in den Bundestag ausgehen sollte. Gegenüber der Wahl 2009, als die FDP mehr als 14 Prozent der Stimmen erhielt, stürzt sie aber ab. SPD und Grüne haben sich ebenfalls einander verschrieben, mit der Linken will niemand ins Boot steigen - womit die Koalitionsoptionen schon feststehen, wobei das konservativ-liberale Bündnis in Umfragen einen klaren Vorsprung vor dem rot-grünen hat. Auch das hat dem Wahlkampf einiges an Brisanz genommen und den Raum zum Manövrieren für die Nicht-Großparteien eingeschränkt. Und überhaupt standen diese zuletzt - vor allem wegen des Kanzlerduells im TV am Sonntag - im Abseits.

Montagabend traten aber die Spitzenkandidaten von FDP, Grünen und Linke - Rainer Brüderle, Jürgen Trittin und Gregor Gysi - in der ARD zu ihrer TV-Konfrontation an. Höchst emotional nutzten die drei Politiker, die sich ständig ins Wort fielen, die Gelegenheit, Profil zu zeigen. Gestritten wurde etwa über Steuern oder einen flächendeckenden Mindestlohn, dessen Einführung Trittin mit Vehemenz forderte und Brüderle ebenso vehement ablehnte. Derartige Debatten zeigten nochmals auf, warum die FDP nur mit der Union kann und die Grünen nur mit der SPD können.