Berlin. Die Frau mit der knallroten Weste, die in der Kreuzberger Oranienstraße Wahlkampfzeitungen verteilt, wird von drei jungen Passantinnen einfach ignoriert, sie unterhalten sich angeregt weiter auf Englisch. "Das waren wohl Amerikanerinnen", sagt Halina Wawzyniak, Bundestagsabgeordnete der Linken. Sie kennt das gut, Friedrichshain-Kreuzberg, ihr Wahlkreis zwischen Ost und West, ist absolut angesagt bei Berlinbesuchern und Partygängern.

Die zahlreichen Touristen sind auch nicht gerade die Klientel, die Wawzyniak erreichen will. Doch einige der Alteingesessenen bleiben gerne stehen: Dann unterhält man sich über die rasant steigenden Mieten, die die Gentrifizierung mit sich bringt, oder über Alltagsprobleme im Flüchtlingscamp am nahegelegenen Oranienplatz. Man kennt "seine" Bundestagsabgeordnete: Immerhin hat Wawzyniak 2009 im eher alternativen Wahlbezirk über 17,6 Prozent der Erststimmen und 25,0 Prozent der Zweitstimmen für Die Linke geholt. Mehr als SPD oder CDU, die hier nur eine Minderheitenpartei ist. Einzig vom grünen "Local Hero" wurde sie mit 27,4 Prozent übertroffen: Hans-Christian Ströbele wird hier wohl auch bei dieser Wahl das Direktmandat holen. Bundesweite Aufmerksamkeit erregte Wawzyniak mit ihrem Wahlplakat, das sie von hinten zeigte: "Mit Arsch in der Hose in den Bundestag" stand unter ihrem Namen, über der Jeans war das Tattoo "Socialist" zu sehen. "Ziemlich kess", wie die Berliner sagen würden.

Gegen Mietwucher, Rassismus und Homophobie


"Ich würde das durchaus wieder machen, aber Wiederholungen sind ja langweilig", sagt Wawzyniak. Sie möchte lieber durch ihre direkte Arbeit bei den Wählern punkten: zum Beispiel als netzpolitische Sprecherin der Linken-Fraktion im Bundestag, als Obfrau der "Enquete-Kommission Internet und digitale Gesellschaft" oder als stellvertretende Vorsitzende des Rechtsausschusses. Die gelernte Juristin und Vielarbeiterin wohnt in einer Kreuzberger WG und steht im engen Kontakt zu den örtlichen Initiativen gegen Mietwucher, Rassismus oder Homophobie. Der Straßenwahlkampf sei zwar zeitaufwendig, sagt sie und lacht: "Aber man ist immerhin viel an der frischen Luft. Manchmal kann ich mich allerdings selber nicht mehr hören, gerade bei Podiumsdiskussionen, die sich ja immer wieder um ähnliche Themen drehen. Das ist wie eine Endlosschleife."

Wawzyniak stammt aus Königs Wusterhausen, 30 Kilometer südöstlich von Berlin. Bereits 1990 trat sie in die damalige PDS ein, gerade 16 Jahre alt war sie da. "15 Jahre lang hatten mir immer alle erzählt, wie toll die DDR sei, und nun sollte plötzlich alles Scheiße sein? Ich wollte keine Wiedervereinigung, ich wollte einen neuen demokratischen Sozialismus." Ihre Ostbiografie spiele bei bestimmten Themen noch eine Rolle, erzählt Wawzyniak: "Auf bestimmte Sachen reagiere ich immer noch allergisch, zum Beispiel, wenn jemand versucht, Bürgerrechte einzuschränken. Ich habe durchaus eine gesunde Skepsis gegenüber dem Staat."

Opposition als Grundhaltung? Ist es deshalb für Die Linke ein Problem, sich einer möglichen Regierungsverantwortung mit SPD und Grünen zu stellen? Für Halina Wawzyniak ist die rot-rot-grüne Koalition zurzeit kein Thema: "Wenn mir von jemandem dreimal am Tag gesagt wird, dass ich doof bin, wäre es doch irrsinnig, genau mit dieser Person zusammenzuarbeiten. Und genauso geht die SPD mit der Linken um."

Auf der anderen Straßenseite kümmert sich eine kleine Gruppe um kaputte Grünenplakate. "Ach, der Christian", sagt Wawzyniak und nickt hinüber. Tatsächlich, die Leiter trägt ihr Mitbewerber persönlich, Hans-Christian Ströbele von den Grünen. Man kennt sich eben in Kreuzberg.