Die türkische Regierung darf sich über einen ersten Erfolg ihres Kampfes gegen den Alkohol freuen: Die Winzerkooperative Mursalli im Westen des Landes produziert ab sofort nur mehr Traubensaft. Wegen der hohen Sondersteuer und der schärferen Alkoholgesetze sei der Weinsektor an den Rand des Ruins geraten, sagte Kooperativenchef Nihat Balkan.

Dabei wurde die Kooperative im Jahr 2007 unter der Regierung des islamischen Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdogan mit staatlichen Mitteln gegründet. Die schon seit 2002 geltende Sondersteuer auf alkoholische Verbrauchsgüter ist jedoch jüngst massiv erhöht worden.

Die Winzergemeinschaft war vor vier Jahren mit 200.000 Litern Wein in die Massenproduktion eingestiegen, dank einer 50-prozentigen Kreditförderung durch das Landwirtschaftsministerium. Zuletzt produzierte die Kooperative rund 400.000 Liter Wein im Jahr.

Die heurige Ernte von 400 Tonnen Weintrauben soll in Form von Traubensaft in den türkischen Geschäften landen. Für heuer rechnet man mit einem Absatz von 3.000 Litern, kommendes Jahr liegt das Ziel bei 150.000 Litern Traubensaft. Freilich spielt der Konsum von Wein im Vergleich zu Bier und Schnaps eine untergeordnete Rolle.

Die Kooperative liegt nahebei Tekirdag, dem Namensgeber für eine der berühmtesten Rakischnaps-Marken des Landes. Raki gilt als das Nationalgetränk der Türken. Es ist auch das am stärksten mit der Sondersteuer belegte Alkoholgetränk des Landes. Ministerpräsident Erdogan hat im Zuge der Einführung der verschärften Gesetze für den Verkauf von Alkohol das Joghurtgetränk Ayran zum Nationalgetränk der Türken erklärt.

Die Beschränkungen betreffen vorwiegend den Verkauf in der Nacht und an Tankstellen. Im dichtverbauten Gebiet von Istanbul führt das Verkaufsverbot in einem Umkreis von 100 Metern von einer Schule oder Moschee allerdings zu Problemen. Dazu kommt ein generelles Werbeverbot für alkoholische Getränke.

Die hohen Steuern haben zu einem rasanten Anstieg des Schmuggels und der Schwarzbrennerei geführt, die bereits zahlreiche Todesopfer aufgrund von Methanolvergiftung zur Folge hatte.

Unter der Regierung der AKP ist der Genuss von Alkohol in der Türkei (Wein, Bier und Schnaps) den Sondersteuern von 2004 bis 2012 zum Trotz um mehr als 25 Prozent angestiegen. Vor allem der Weinkonsum hat sich seit 2004 beinahe verdoppelt. Der türkische Verband der Alkohol-Hersteller AIID schätzt den Wert des jährlich illegal eingeführten Alkohols auf rund drei Milliarden Dollar (2,19 Mrd. Euro).