Unüberbrückbare Differenzen zwischen Rumäniens Botschafterin Davidoiu (l.) und Vier-Pfoten-Mitarbeiterin Kley (r.) im emotional geführten "WZ"-Gespräch. - © Andreas Urban.
Unüberbrückbare Differenzen zwischen Rumäniens Botschafterin Davidoiu (l.) und Vier-Pfoten-Mitarbeiterin Kley (r.) im emotional geführten "WZ"-Gespräch. - © Andreas Urban.

Wien. Nachdem im September in Bukarest ein vierjähriges Kind von Straßenhunden angefallen und totgebissen worden war, hat die rumänische Regierung ein strengeres Gesetz erlassen, das die Tötung streunender Hunde ermöglicht. Die Tierschutzorganisation Vier Pfoten kritisiert das Gesetz als "steinzeitlich". Die "Wiener Zeitung" hat mit Indra Kley, Kampagnenmitarbeiterin von Vier Pfoten, und der rumänischen Botschafterin in Österreich, Silvia Davidoiu, ein Gespräch geführt.

"Wiener Zeitung": Frau Kley, Vier Pfoten kritisiert, dass in Rumänien künftig die Tötung von Straßenhunden möglich sein wird. Sie fordern stattdessen "langfristige Strategien". Kann man damit dem doch recht akuten Problem in Bukarest beikommen?

Indra Kley (Vier Pfoten): Nur damit. Man muss das Ganze langfristig angehen, um ein solches Problem unter Kontrolle zu bekommen. Die Straßentiere sollten eingefangen, kastriert und wieder ausgelassen werden. Unsere Organisation hat in Bulgarien sehr gute Erfahrungen mit so einer Strategie gemacht.

Botschafterin Silvia Davidoiu: Wir haben von dem guten Vier-Pfoten-Projekt in Sofia gehört. Aber Bukarest ist ein Sonderfall. Es gibt eine ungeheuer große Anzahl an Streunern, offiziell sind es etwa 65.000 Hunde. Vor 30 Jahren hat Staatschef Nicolae Ceausescu die angestammten Wohnviertel abreißen lassen, um Wohnblocks zu errichten. In diesen Blocks war kein Platz für Tiere - die Menschen haben folglich ihre Hunde ausgesetzt, die sich dann vermehrten. Mit dem neuen Gesetz versuchen wir, dieses Problem in den Griff zu bekommen.

Kley: Es ist allerdings ein Faktum, dass das Gesetz eine Tötung von Streunerhunden vorsieht, wenn sie nicht innerhalb von 14 Tagen adoptiert werden.

Davidoiu: Unsere Regelung, die nur als allerletzte Lösung die Einschläferung vorsieht, gibt es in ganz Europa - in Ländern wie Frankreich oder Großbritannien.

Kley: Es stimmt schon, es gibt EU-Länder, die die Tötung vorsehen. Das heißt aber nicht, dass das vorbildlich ist. Neun EU-Länder sprechen sich jedenfalls klar gegen die Einschläferung gesunder Tiere aus. Die Situation in Frankreich oder Irland ist mit der in Rumänien nicht vergleichbar. In Frankreich gab es nie so ein Problem mit Streunerhunden.

Davidoiu: Die EU hat sich bis jetzt nicht gegen das Gesetz ausgesprochen. Außerdem wurde ja noch kein einziger Hund eingeschläfert. Es gibt keinen Massenmord an Hunden in Rumänien!

Kley: Die gesetzlichen Grundlagen dafür wurden aber jetzt geschaffen! Das Gesetz ist schließlich zur Kontrolle der Streunerpopulation gedacht. Verstehen Sie mich nicht falsch: Es gibt in dem Gesetz auch gute Ansätze - dass jeder Hund gechipt und registriert werden soll zum Beispiel, dass es Strafen geben soll für Menschen, die ihre Hunde aussetzen. Das ist gut, das kritisieren wir in keiner Weise. Das Problem ist ausschließlich das Töten.

Wird denn ein Hund, wenn er kastriert wird, automatisch ungefährlich? Ist das so eine Art Beißkorb?

Kley: Nein. Die aggressiven Hunde gibt es immer, das ist klar. In diesem Gesetz geht es allerdings nicht darum, die Hunde herauszufischen, die eine Gefahr darstellen. Unter das Gesetz fallen alle Hunde. Auch die friedlichen. Nicht alle Streunerhunde beißen Menschen.

Davidoiu: Nicht alle, aber doch viele: Von Anfang des Jahres bis Ende August wurden dem rumänischen Zentrum für Tollwutimpfung fast 9800 Angriffe von Straßenhunden auf Menschen gemeldet.

Kley: Das wissen wir. Wir wissen aber auch, dass diese Statistiken mit Vorsicht zu genießen sind. Es kann ja nicht ermittelt werden, von welchem Hund die Leute gebissen werden. Das könnte auch der eigene sein. Wer sagt, dass das alles Streunertiere waren?

Davidoiu: Wie viele Menschen werden vom eigenen Hund gebissen? Sagen wir, von diesen 9800 vielleicht 10 Prozent.

Kley: Mag sein. Wichtiger ist: Sie hätten in den letzten Jahren genug Zeit gehabt, die aggressiven Hunde herauszusuchen.

Davidoiu: Das hat man ja gemacht, mithilfe von Tierschutz-NGOs. Man hat versucht, die Hunde zu kastrieren, weil behauptet wurde, dass die Tiere dann ruhiger wären. Es hat sich gezeigt, dass es nicht so war. Die Hunde, die den Buben totgebissen haben, waren alle unter der Obhut einer NGO, die sich um dieses Problem kümmern hätte sollen.

Kann man Übergriffe von herrenlosen Hunden auf Menschen überhaupt verhindern? Woran erkennt man einen aggressiven Hund?

Davidoiu: Es muss eine Anzeige geben. Wenn genug Bürger sagen, in dieser Ecke gibt es Streunerhunde, die sehr aggressiv sind, die ständig beißen, kann man handeln.

Kley: Das Hauptproblem ist doch: Wie bekommt man diese immense Streunerpopulation langfristig in den Griff? Dieser Ansatz fehlt bei dem Gesetz völlig. Ich kann Ihnen Beispiele von unseren Projekten in Rumänien nennen. In Oradea ist es uns gelungen, durch unser Kastrationsprogramm die Zahl der Streuner von 4500 auf 300 zu drücken.

Davidoiu: Auch in unserem Gesetz steht, dass die Tiere eingefangen und in Tierheime gebracht werden sollen.

Gibt es in Bukarest denn genug Tierheime?