Sarajevo. Frau Jela M. war vor einigen Wochen in einem Dorf in der Republika Srpska von Haus zu Haus gegangen und hatte die dortigen Bewohner aufgeschrieben. In Bosnien und Herzegowina ging unlängst die erste Volkszählung seit 1991 zu Ende. Doch was dazu dienen sollte, mit realen Zahlen Planungen, wie etwa zur Infrastruktur, zu ermöglichen, wurde zu einer Art Wahlkampagne der drei Volksgruppen, Bosniaken (Muslime), Serben und Kroaten. Seit Ende des Bürgerkriegs, der von 1992 bis 95 dauerte, deklariert sich kaum jemand als Bosnier.

Ethnie und Religionszugehörigkeit sind in Bosnien allgegenwärtig. Als Bosniake ist man Moslem, als Serbe orthodox und als Kroate katholisch. Diese Angaben waren beim Ausfüllen des Zensusformulars kein Pflichtfeld. Nichtregierungsorganisationen beklagten jedoch, dass die Bevölkerung von den Zensus-Mitarbeitern nicht ausreichend informiert wurde, und witterten Manipulation. Sie kritisierten auch den mangelnden Datenschutz, weil die Mitarbeiter die Fragebögen nicht zentral abgegeben hatten, sondern sie nach Hause nahmen. Während die Politiker dazu aufriefen, sich ethnisch klar zu deklarieren, forderten NGOs die Bürger auf, sich als "Bosnier und Herzegowiner" einzutragen.

Frau Jela schrieb seit Anfang Oktober nur Kroaten auf. Von ihnen gibt es in der Republika Srpska, der serbischen der zwei Entitäten im Land, wenige. "Nur die Alten sind zurückgekehrt, die Jungen sind in Kroatien geblieben oder wohin auch immer sie im Krieg geflohen sind", sagt Frau Jela. Die kroatische Bevölkerungsgruppe war schon vor dem Krieg mit 17,3 Prozent die kleinste. Kroaten leben mit den Bosniaken in der Föderation zusammen, deren Anteil 1991 43,7 Prozent betrug. In der Republika Srpska leben überwiegend Serben, als orthodox deklarierten sich vor dem Krieg 31,2 Prozent.

Jetzt, so zeigen offene Briefe und Appelle, befürchten die Kroaten, von den anderen zwei Gruppen vollkommen überstimmt zu werden. Sie haben Angst vor einer "zweiten Vertreibung". Ähnliches war von den anderen Ethnien zu hören, sowohl aus den Parteien, als auch den Kirchen. Die Republika Sprska erklärte wiederholt das Projekt Bosnien für gescheitert und will sich Serbien anschließen. "Von uns Kroaten wird es fast gar keine geben", sagt Frau Jela traurig.

Das System, in dem sich alles nach der ethnischen Zugehörigkeit richtet, hat die Zivilgesellschaft langsam satt: "Ich bin draufgekommen, dass die Zählung dem Krieg ähnelt. Nicht wegen der Mobilisierung der Bosniaken, Serben und Kroaten, sondern wegen der Art, wie wir sie wahrnehmen, nämlich als Kampf für Territorium, Macht und Geld", sagt Jasminko Halilovic, Autor und Mitglied des bosnischen Think-Tanks Populari.