Den Haag. Zum Abschied schickt der General eine letzte Tirade hinüber zu den Richtern. Noch einmal schimpft er auf das "satanische Tribunal", dann winkt Ratko Mladic den Journalisten hinter ihrer Glasscheibe zu. Er blickt zur Anklagebank, wo der Mann sitzt, den er noch immer mit "Herr Präsident" anspricht. Doch Radovan Karadzic zeigt keine Regung. Mladic zetert und flucht, während ihn zwei Polizisten aus dem Saal führen.

Das Jugoslawien-Tribunal in Den Haag hat wahrlich einige Turbulenzen erlebt. Selten ging es dabei so bizarr zu wie bei der ersten öffentlichen Begegnung zwischen Radovan Karadzic, dem Expräsidenten der bosnischen Serben und seinem Armeechef Ratko Mladic seit dem Ende des Kriegs. 1995 wurde gegen beide erstmals Anklage erhoben: wegen der mutmaßlichen Verantwortung für den Genozid von Srebrenica. Nun gehören sie zu den letzten großen Fällen, die das UN-Tribunal verhandelt.

Ratko Mladic, dessen Verfahren 2011 eröffnet wurde, fürchtet, sich durch eine Zeugenaussage selbst zu belasten. Das Gericht unter Vorsitz von O-Gon Kwon lud ihn Ende 2013 unter Strafandrohung vor, im Prozess gegen den Ex-Präsidenten auszusagen. Als er im Zeugenstand erscheint, wirkt er grobschlächtig, trotz hellgrauen Anzugs und der blau gestreiften Krawatte.

Karadzic will ihn zu Srebrenica und Sarajevo befragen, ob es Absprachen zwischen ihnen gab, Pläne für Exekutionen, Scharfschützen- und Artillerieterror und Vertreibungen. Er will, das ist deutlich, dass der General ihn entlastet. Karadzic wittert Morgenluft, seit der Gerichtshof ihn zwischenzeitlich vom Vorwurf des Genozids in mehreren bosnischen Kommunen freigesprochen hatte. Die Berufungskammer nahm den Anklagepunkt wieder auf. Die zehn anderen Punkte, darunter das Massaker von Srebrenica, Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit, bleiben bestehen.

Mladic sträubt sich


gegen Aussage


Doch Mladic sträubt sich. Zu Beginn ergreift sein Anwalt Branko Lukic das Wort. Seit einem Schlaganfall leide sein Mandant an Erinnerungslücken, er könne die Wahrheit nicht von Erfundenem unterscheiden und daher nicht aussagen. Richter Kwon zeigt sich unbeeindruckt und will Mladic vereidigen. Zweimal weigert sich der General, verflucht das Gericht als "Schöpfung der Nato", das "uns verfolgt, weil wir Serben sind." Dann leistet er schließlich den Eid und bittet umgehend um eine Pause, auf dass man sein Gebiss aus dem Gefängnis hole. "Damit ich besser sprechen kann."

Knapp drei Jahre ist es her, dass Mladic erstmals im Courtroom I des Tribunals erschien. Damals saßen protestierende Bosnierinnen hinter der Glasscheibe, bei denen die Provokationen des Generals zu emotionsgeladenen Tumulten führten. Heute amüsieren sich Journalisten und Prozess- Beobachter dort, dass der "Schlächter des Balkans" den clownesken Rüpel gibt.

Und der Angeklagte? "Doktor Karadzic", wie der Richter ihn nennt, verbreitet dagegen fast die Aura eines Elder Statesman, mit randloser Brille und gewählter Sprache. "Herr General", fragt er, "haben Sie mich informiert über die Exekutionen in Srebrenica? Hatten wir beide je ein Abkommen, dass die Bevölkerung von Sarajevo Terror durch Scharfschützen und Artillerie ausgesetzt werden soll?" Der General schweigt. Auch zu der Frage, warum Sarajevo beschossen wurde, oder ob es ein Abkommen gab, die bosnischen Muslime zu vertreiben. Nur ein Statement will er vorlesen, selbst verfasst, sieben Seiten. Richter Kwon will es nicht hören.