Wien. (aum) "Schon alles über Mauerfall und Wiedervereinigung gelesen? Aber noch nicht von mir!" - Ganz schön keck, wie Ewald König sein Buch ankündigt. Doch einer wie er kann sich das erlauben. König erlebte die Wende in Deutschland hautnah mit und gewährt in "Menschen, Mauer, Mythen" Einblick in seine Erlebnisse und Einschätzungen aus jener Zeit. Als einziger in BRD und DDR akkreditierter österreichischer Korrespondent hatte er ein vollständigeres Bild von der Situation als die meisten anderen. So gehört Ewald König zu jener Handvoll Privilegierter, die der legendären Schabowski-Pressekonferenz beigewohnt haben, auf der der Fall der Mauer verkündet wurde. Dieses Ereignis sei geplant gewesen, glauben Sie? Reiner Mythos, klärt König auf. Der Fall der Mauer basiert in Wirklichkeit auf einem Missverständnis. Denn Günter Schabowskis Äußerungen zur Grenzöffnung war noch gar keine Regierungsentscheidung, sondern nur eine Regierungsvorlage.

Weil er live dabei war, kann König so manche Mär ins rechte Licht rücken. Gleichzeitig liest man in seinem Buch von Schicksalen der Menschen, die er in jener Zeit getroffen hat: Ostdeutsche, die auf der Flucht bibbernd vor Angst an der ungarisch-österreichischen Grenze im Wald lagen und hofften, auf den letzten Metern in das rettende Land nicht erschossen zu werden. Oder Schlepper, die heute ein beschauliches Leben in der Karibik führen. König berichtet auch über die kleinen Details mitten in den großen Umwälzungen. Etwa, wie für Ostdeutsche die Bezeichnung "neue Bundesländer" nach der Wiedervereinigung verwirrend war. Assoziierten sie doch alles, was "neu" war, mit dem Westen und alles, was "alt" war, mit sich selbst. Alles in allem ein sehr lesenswertes Buch.