Die Fronten waren klar abgesteckt: Journalisten, die aus der DDR berichteten, erhielten während des Kalten Krieges keine Akkreditierung für die Bundesrepublik - und umgekehrt. Dem damaligen Korrespondenten für "Die Presse", Ewald König, gelang als einzigem Medienvertreter das Kunststück, aus beiden Ländern berichten zu können. Gegenüber der "Wiener Zeitung" blickt der Österreicher zurück auf den Mauerfall, analysiert das bleibende Ost-West-Gefälle in Deutschland und den Bedeutungsgewinn des geeinten Landes in der EU.

"Wiener Zeitung": Der Mauerfall erwischte die Geheimdienste auf dem falschen Fuß. Waren Sie ebenfalls überrascht, oder hatten Sie aufgrund Ihrer Korrespondententätigkeit bereits frühzeitig den Eindruck, dass sich die DDR nicht mehr lange hält?

Ewald König: Die Geschwindigkeit des Zusammenbruchs überraschte auch mich. Dass es in der DDR große Schwierigkeiten gab, konnte man aber mit freiem Auge sehen: Die Lebensmittelversorgung klappte nicht, vor den Geschäften gab es lange Schlangen. Personen erzählten, dass sie nur zwei Stunden am Tag arbeiten konnten, danach gab es kein Arbeitsmaterial mehr. Dazu kam die Welle der Ausreisenden und Flüchtlinge; überall waren große Lücken zu spüren.

Was dachten Sie, als Sie am 9. November 1989 Menschen auf der Berliner Mauer feiern sahen?

Die Stimmung war so euphorisch, und ich war es ebenfalls. Ich habe mich sogar scherzhaft gefragt, ob ich Drogen genommen habe, so aufgeputscht war ich. Man spürte: Es ist ein historisches Ereignis - das auch Kräfte weckt. Ich hatte drei Tage hintereinander kaum geschlafen, aber unendlich viel Energie.

Wie gelang es Ihnen, als einziger österreichischer Journalist auch in der DDR akkreditiert zu werden?

Österreich war als neutrales Land für die DDR wirtschaftlich und politisch wichtig, zum Beispiel wurden der Austausch von Gefangenen oder Geheimdienstangelegenheiten über den Umweg Österreich geregelt. Dazu kamen persönliche Kontakte, etwa des damaligen "Presse"-Chefredakteurs Thomas Chorherr mit einem DDR-Botschafter. Daher kannte man die Zeitung und ich erhielt die Akkreditierung - obwohl die "Presse" in einem DDR-Lexikon 1985 als "Blatt der Großbourgeoisie" bezeichnet wurde.

Wurde Ihnen angesichts Ihrer Kontakte in Ost und West je das Angebot unterbreitet, für die DDR zu spionieren?

Leider nicht, diese Anfrage wäre interessant gewesen (lacht, Anm.). Ich habe auch keine Stasi-Akte entdeckt, in der viele Kommentare zu meiner Person stehen, sondern nur eine Karteikarte mit Fakten, wann ich wo war.

"Jetzt wächst zusammen, was zusammengehört", sagte Willy Brandt einen Tag nach dem Mauerfall. Andererseits wird noch heute immer wieder die Kluft zwischen West- und Ostdeutschland betont. Sie leben noch immer in Berlin: Wie weit sind die Deutschen mittlerweile zusammengewachsen?

Es gibt zwei Phänomene: diejenigen, die sich ungemein schnell im westlichen System zurechtgefunden und den Kapitalismus gelernt haben, und jene, die bis heute der DDR nachtrauern. Das ist ihnen auch nicht zu verdenken, wenn man ein gewisses Alter erreicht hat, ohne Chance auf einen neuen Arbeitsplatz. Wahrscheinlich werden die Unterschiede zwischen West und Ost nie komplett aufgehoben, genauso wie es Unterschiede zwischen Bayern und Preußen gibt.

Denken Sie, dass das Zusammenwachsen in Berlin schneller funktioniert als landesweit?

Bis heute gibt es Westberliner, die keinen Fuß in den Osten setzen, und vice versa. In Ostberlin gibt es nur drei Stadtteile, die gut durchmischt sind: Mitte, Friedrichshain und Prenzlauer Berg. In die anderen ziehen keine Ausländer, gehen keine Westberliner einkaufen oder in ein Restaurant. Westberliner ziehen auch nicht in die drei hippen Ostteile, sondern Westdeutsche, darunter viele Schwaben, und Ausländer.

Für Berlin gilt also auch: Die Unterschiede bleiben.

Sie werden sich abschleifen. Man lebt mit den Differenzen, und sie tun ja auch nicht weh.

Was empfanden Sie als prägendste Momente Deutschlands in den 25 Jahren seit dem Mauerfall?

Die Einführung der D-Mark kurz nach der Wiedervereinigung und jene des Euros. Und die Verhüllung des Reichstags durch den Künstler Christo: Sie war ein Reifezeichen, dass die Deutschen über ihren Schatten gesprungen sind.

Sie sind mittlerweile Chefredakteur und Herausgeber eines EU-Online-Infoportals. Wie beurteilen Sie Deutschlands Rolle in der EU?

Nach der Wiedervereinigung fürchteten die Großmächte die erneute Dominanz Deutschlands. Heute haben wir das Gegenteil: Den Deutschen wird die Führungsrolle aufgedrängt. Niemand hat Angst vor einem alten "Berliner Geist". Berlin ist momentan wohl wichtiger als Brüssel.

Sie haben einmal gesagt: Eine "europäische Öffentlichkeit" gibt es ebenso wenig wie eine "europäische Kultur" oder ein "europäisches Essen". Sehen Sie eine Entwicklung hin zu einer europäischen Öffentlichkeit - auch durch negative Anlassfälle wie die Finanz- und Wirtschaftskrise, wodurch dieselben Themen in allen Mitgliedsländern virulent sind?