Saylorsburg. Burhan lacht, wahrscheinlich das erste Mal überhaupt an diesem Tag. Alle bisherigen Fragen hat er vorsichtig beantwortet, kühl und sachlich und überlegt, nichts, aber auch gar nichts war ihm anzusehen, wie er wirklich über die Dinge denkt. Bis zu dieser Frage: Wie werden sie am Ende ausgehen, die Ereignisse in der Türkei?

Das Tor zu Gülens geheimem Reich erinnert an einen alten DDR-Grenzposten. Genauso streng wird hier auch gehandhabt, wer hinein darf und wer nicht. - © Martin Fuchs (2)
Das Tor zu Gülens geheimem Reich erinnert an einen alten DDR-Grenzposten. Genauso streng wird hier auch gehandhabt, wer hinein darf und wer nicht. - © Martin Fuchs (2)

"Es wird keine Probleme geben. Alles wird in Ordnung kommen", sagt Burhan. Und nicht die Tatsache, dass er lacht, sondern die Art wie, gibt eine Ahnung davon, dass man es hier nicht mit einem ganz normalen Torwächter zu tun hat. Ja, er lebe hier, zusammen mit rund 15 anderen Leuten. Die Tausenden anderen, die sonst hierherkommen, ins "Golden Generation Worship & Retreat Center", bleiben immer nur maximal ein paar Wochen. Wenn das Zentrum für Andacht und Erholung derart populär ist - warum steht dann nirgendwo in dieser gottverlassenen Gegend im Westen des US-Bundesstaates Pennsylvania auch nur ein einziges Schild, das einem den Weg dorthin weist? "Die Leute finden von alleine her", sagt Burhan, wieder ganz sein pseudo-cooles Selbst.

Die Tankstelle ist der einzige Treffpunkt in Saylorsburg. Keiner der Einwohner hat Gülen jemals persönlich zu Gesicht bekommen.
Die Tankstelle ist der einzige Treffpunkt in Saylorsburg. Keiner der Einwohner hat Gülen jemals persönlich zu Gesicht bekommen.

Dank den Segnungen des Internets und GPS ist es heutzutage tatsächlich nicht mehr schwierig, den Weg ins "Camp" zu finden. So lautet der Spitzname des riesigen Gebäudekomplexes im Dorf Saylorsburg, in dem sich der nach einhelliger Meinung von Experten der zweitmächtigste Mann der Türkei in den vergangenen 16 Jahren häuslich wie spirituell eingerichtet hat. Ein riesiges Grundstück, Badesee inklusive, das in der Regel ohne Ausnahme den Anhängern von Fethullah Gülen zur Verfügung steht, auf dass sie dort, umgeben von den wilden Wäldern Pennsylvanias, zur inneren Einkehr kommen und in Ruhe die Worte und die Lehren des islamischen Predigers studieren können. Zutritt für Nicht-Mitglieder streng verboten. "Tut mir sehr leid", sagt Burhan, "da müssen Sie sich an unsere Pressestelle wenden." Hat man natürlich schon vor Wochen und mehrmals getan, ohne entsprechende Antwort, das gehört mit zum Spiel.

Eine globale Bewegung

Der weltumspannende politische Erfolg und Einfluss der von Gülen angeführten Hizmet-Bewegung (türkisch für "Der Dienst"; in der Türkei selbst wird sie landläufig Cemaat genannt, "Die Gemeinde") ist nicht zuletzt auf diese Art von Geheimniskrämerei zurückzuführen. Ihre Feinde nennen Gülens Bewegung eine Sekte. Politische Analysten aus dem Westen - namentlich auch die Regierung des Landes, in dem er lebt, auch wenn sich das keiner ihrer Repräsentanten laut zu sagen traut - neigen zu einem milderen Urteil: Sie sehen in Hizmet eine der wenigen wirklich einflussreichen Kräfte in der muslimischen Welt, die einem modernen, moderaten Islam nicht nur das Wort redet, sondern diesen auch glaubwürdig repräsentiert; als zeitgemäßes Bindeglied zwischen den nationalistischen Idealen des Kemal Atatürk und den mehr oder minder religiös motivierten Gesetzgebern der die Türkei seit zehn Jahren regierenden AKP.

Bis vor einigen Monaten galten Gülen und die Seinen als Verbündete von Premierminister Recep Tayyip Erdogan. Seit ein paar Richter und Staatsanwälte es aber gewagt haben, sich der allem Anschein nach überbordenden Korruption innerhalb der AKP anzunehmen, ist ein Machtkampf ausgebrochen, dessen Ausgang mehr als ungewiss ist.

Was ihre eigene Sicherheit angeht, haben Gülen und seine Anhänger entsprechende Vorkehrungen getroffen. Jeder Brief und jedes Paket, die an die Adresse 7554 Mount Eaton Road geliefert werden, muss vor dem erst vor ein paar Monaten errichteten Eingangstor, das an einen alten DDR-Grenzübergang erinnert, abgegeben werden. Erst nachdem sich Burhan und seine Kollegen hinter den verspiegelten Scheiben des Kabäuschens vergewissert haben, dass sie keine Bomben enthalten, dürfen die Waren den Eingang passieren.

Namenlose Kontrahenten

"Es gibt viele Leute, die etwas von Fethullah Gülen wollen, aber er hat halt wenig Zeit", sagt der aus der Schwarzmeer-Gemeinde Samsun stammende Torwächter. Vor zwölf Jahren ist er aus Istanbul hierhergezogen. "Es war natürlich eine große Umstellung. Aber gut, New York ist ja nur zwei Stunden entfernt." So konziliant sich Burhan im Umgang mit den Besuchern gibt, so hart bleibt er in der Sache: "Tut mir leid, aber solange Sie nicht überprüft worden sind, müssen Sie draußen bleiben." Die Dinge seien eben kompliziert in der Türkei. Thema erledigt. Nicht, dass die Hizmet-Leute nicht immer schon vorsichtig gewesen wären. Aber jetzt, wo sie im Zentrum der Aufmerksamkeit stehen, halt noch ein bisschen mehr, Theater inklusive.

Nachdem Erdogan die Ermittlungen gegen seine Parteifreunde (und deren Söhne und deren Freunde) per Dekret niederschlagen ließ, tausende Vertreter der Judikative wie der Exekutive absetzte und die halbe Regierungsmannschaft austauschte, sprach er aus, was er und seine Anhänger wirklich denken: dass es in der heutigen Türkei einen "Staat im Staat" gebe, dessen Repräsentanten ihm und seiner Partei an den Kragen wollen "und deren üble Machenschaften die türkische Demokratie untergraben". Freilich, ohne das Kind auch nur ein einziges Mal beim Namen zu nennen. Nicht, dass das in der Türkei überhaupt nötig wäre: Dort weiß jeder, dass der Premier von Gülen und seinen Anhängern sprach.