Offenbar hat die EU-Kommission versucht, das Expertenteam je zur Hälfte aus Wirtschaft und Industrie einerseits und Gewerkschaften, Konsumentenschützern und NGOs andererseits zu rekrutieren.

Neben Kerneis ist auf der Business-Seite Edward Bowles zu finden, der Chef für Außenbeziehungen der Londoner Standard Chartered Bank, die ihren Hauptumsatz in Hongkong, Südkorea, Indien und anderen Teilen Asiens erwirtschaftet. Luisa Santos wird sich den Unternehmerinteressen widmen. Die Portugiesin ist Direktorin für Internationale Beziehungen bei Businesseurope. Der Arbeitgeberverband ist eigenen Angaben zufolge der führende Befürworter von Wachstum und Wettbewerb auf europäischer Ebene. Er analysiert Gesetzesentwürfe und EU-Programme, um sie aus Firmenperspektive zu verbessern. Der Bereich Produktion wird von Reinhard Quick abgedeckt. Er ist Direktor des Europabüros des Verbands der Chemischen Industrie Deutschland. Die setzt sich beispielsweise für die Gewinnung von Schiefergas ein, was hauptsächlich durch das umstrittene Fracking erzielt wird und Thema der TTIP-Verhandlungen ist.

Pekka Pesonen ist Generalsekretär des europäischen Landwirtschaftsverbands Copa-Cogeca. Auf ihn wird neben grundsätzlichen Agrarfragen der delikate Bereich gentechnisch veränderter Organismen (GVO) zukommen. Die sind in Europa und vor allem Österreich verpönt und verboten, werden jedoch auf der anderen Seite des Atlantiks flächendeckend eingesetzt. Amerikanische Gentech-Firmen drängen schon seit Jahren auf den europäischen Markt. GVO lehnt die Copa-Cogeca nicht a priori ab, fordert jedoch wissenschaftlich untermauerte Sicherheit auf dem Gebiet. Roxane Feller vertritt die Lebensmittelindustrie. Sie war 14 Jahre bei Copa-Cogeca, bevor sie Direktorin für wirtschaftliche Angelegenheiten bei FoodDrinkEurope wurde. Das ist der Dachverband der europäischen Lebensmittelindustrie. Er fordert "unternehmerfreundliche und ausreichend flexible Rahmenbedingungen für Europas Lebensmittelproduzenten". Ivan Hodac wiederum ist eine fixe Größe in Brüssels Lobbyingwelt. Er ist der ehemalige Generalsekretär der Acea, des europäischen Automobilerzeugerverbandes, für dessen Aufsichtsrat er noch immer als ranghoher Berater tätig ist.

Auf der Seite der sieben anderen Experten wird sich neben Benedicte Federspiel auch Monique Goyens für den Konsumentenschutz stark machen. Sie ist vom europäischen Verbraucherverband Beuc, zu dessen Mitgliedern aus Österreich die Arbeiterkammer und der Verein für Konsumenteninformation gehören. Gemeinsam mit Eckelmann vertritt Tom Jenkins die Interessen der Gewerkschaften. Er ist der Berater des Generalsekretärs des Europäischen Gewerkschaftsbunds, dem auch der österreichische angehört. Die beiden werden sich darum kümmern, dass existierende Standards von Arbeitnehmerrechten nicht unterwandert werden und bei einer Harmonisierung zwischen EU und USA im Zweifelsfall die günstigere Regelung herangezogen wird.

Für Transport- und Umweltfragen wurde Jos Dings rekrutiert. Er ist Direktor von "Transport and Environment", einer Dachorganisation von mehr als 50 NGOs aus dem Verkehrsbereich. Zu den Zielen gehören umweltverträglicher Verkehr und Reduzierung von Emissionen. Ebenfalls auf Umweltthemen fokussiert ist Pieter de Pous. Er ist Direktor für EU-Politik beim Europäischen Umweltbüro. Es ist ein Dachverband von mehr als 140 Umweltorganisationen aus ganz Europa, darunter die Naturfreunde und das Öko-Büro in Österreich. Mit Monika Kosinska sind die 14 komplett. Die Generalsekretärin der NGO "European Public Health Alliance" wird sich Gesundheitsfragen widmen.

Gruppe spielt keine aktive Rolle bei Verhandlungen

Bei aller Expertise werden die Einschätzungen der 14 höchstens informativen Charakter haben, darin ist man sich ziemlich einig. "Wir werden unseren Rat geben, wenn wir danach gefragt werden. Aber wir werden keine aktive Rolle im Entscheidungsprozess spielen", erklärt Pesonen. Auch Kerneis sieht keinen Vorteil zur Einflussnahme auf die Verhandlungen: "Ich glaube nicht, dass wir mehr Einfluss haben werden als andere. Alle Organisationen, die ihren Standpunkt einbringen wollen, können ein Positionspapier an die Kommission, das Parlament und die Mitgliedstaaten schicken."

In der beratenden Funktion ist die Uneinigkeit der Gruppe bei so manchem Thema vorprogrammiert. Pesonen sieht darin nichts Schlimmes: "Auch wenn wir in unseren Meinungen nicht übereinstimmen, so werden diese doch wertvolle Informationen für die EU-Kommission sein."