Brüssel. Der Volksentscheid zur Begrenzung der Zuwanderung wird die Schweiz unter Umständen teuer zu stehen kommen. Die EU hat die Verhandlungen mit Bern über milliardenschwere Programme zum Studentenaustausch und zur Forschungsförderung ausgesetzt. Damit könnten wichtige Gelder weg sein und Schweizer Studenten große Chancen entgehen. Konkrete Summen nannte die EU-Kommission noch nicht, sie verwies aber darauf, dass die Schweiz wohl ab dem nächsten Jahr keine Studenten mehr über das Austauschprogramm "Erasmus+" in die EU schicken könnte. Bisher profitierten immerhin 2900 eidgenössische Studenten jedes Jahr von einem Europa verbindenden Erasmus-Stipendium. Auch die Verhandlungen über eine Beteiligung an dem milliardenschweren Forschungsprogramm "Horizont 2020" wurden auf Eis gelegt. Auch hier geht es um große Summen - selbst für die reiche Schweiz. In der letzten Finanzperiode von 2007 bis 2013 hatte die Schweiz mehr als 1,8 Milliarden Euro aus diesem Programm erhalten.

Verunsicherung bei Forschern und Studenten

Ursache für die Maßnahmen war, dass die Regierung in Bern ein geplantes Abkommen zur Öffnung ihres Arbeitsmarkts für Bürger des EU-Neumitglieds Kroatien gestoppt hat. Es sei eine "neue, unsichere Situation" entstanden, heißt es in Brüssel. Die Programme "Erasmus+" und "Horizon 2020" basierten auf dem Prinzip der Personenfreizügigkeit, weil sie Studenten und Wissenschaftern das Leben und Arbeiten in EU-Ländern ermöglichten. Die Schweizer hatten vor einer Woche mit knapper Mehrheit einer Volksinitiative gegen "Masseneinwanderung" zugestimmt, die auch die Zuwanderung aus der Europäischen Union begrenzt. Ab jetzt kann die Schweiz keine völkerrechtlichen Verträge mehr abschließen, die uneingeschränkte Zuwanderung beinhalten.

Schweizer Studenten müssen immerhin nicht fürchten, dass ihre laufenden Erasmus-Stipendien enden. Das derzeitige akademische Jahr 2013/2014 sei nicht betroffen, stellt ein Sprecher von EU-Bildungskommissarin Androulla Vassiliou klar. Allerdings hätten in Zukunft noch mehr Schweizer von dem Programm profitieren können, da Erasmus ausgeweitet wird. Laut EU-Kommission hätten dann jährlich 4500 Schweizer Studenten nach Europa kommen können.

Bei Schweizer Forschern macht sich jetzt jedenfalls Unsicherheit breit. In ihrer Heimat wird ihnen empfohlen, die Projektanträge fortzusetzen. Sie sollten sich "weiterhin an den derzeit laufenden Calls zu ,Horizon 2020‘ und Erasmus Plus uneingeschränkt und aktiv beteiligen", so das Schweizer Bildungs-Staatssekretariat in einem Info-Papier. Ob dieser Bewerbungen aber eine reale Chance haben, ist ungewiss.