(n-ost). Der Regierungsgegner Nikolaj K. demonstriert seit November auf dem Maidan. Mit der "Wiener Zeitung" sprach er über seine Motivation für den Protest, und warum er Präsident Wiktor Janukowitsch schon lange nicht vertraut.

Nikolaj K. ist seit 19. November und damit seit Beginn der Proteste auf dem Maidan dabei. "Es war damals für uns unvorstellbar, dass man auf uns schießen würde", sagt er. - © Nikolaj K./Moritz Gathmann, n-ost
Nikolaj K. ist seit 19. November und damit seit Beginn der Proteste auf dem Maidan dabei. "Es war damals für uns unvorstellbar, dass man auf uns schießen würde", sagt er. - © Nikolaj K./Moritz Gathmann, n-ost

"Wiener Zeitung": Wie lange stehen Sie schon auf dem Kiewer Maidan?

Nikolaj K.: Von Anfang an, seit dem 19. November. Schon damals war mir klar, dass von diesem Regime nichts Gutes mehr zu erwarten ist.

Seitdem arbeiten Sie nicht mehr?

Als die Proteste begannen, hat der Chef unserer Firma gesagt: Wer will, kann gehen. Ich werde niemanden entlassen.

Haben Sie damals für möglich gehalten, dass es drei Monate später im Kiewer Zentrum Straßenkämpfe mit dutzenden Toten und hunderten Verletzten geben würde?

Nein, das hat niemand von uns erwartet. Wir dachten, dass es eine schnelle Lösung geben würde. Aber es hat sich herausgestellt, dass alle die Lage verstehen - nur die Führung des Landes nicht. Es war für uns damals unvorstellbar, dass man auf uns schießen würde! Aber ich glaube, dass es in Wirklichkeit keine Ukrainer waren, sondern russische Söldner. Unsere Leute würden nicht auf uns schießen.

Sind Sie selber verletzt worden?

Nein, aber am Donnerstag sind zwei meiner Freunde von Scharfschützen erschossen worden, als sie versuchten, verletzte und tote Kameraden zu bergen.

Haben Sie keine Angst um Ihr Leben nach den vergangenen Tagen?

Natürlich habe ich Angst, aber ich muss hier sein. Ich habe zwei kleinere Brüder, die sitzen mit meinen Eltern daheim. Sie rufen alle zwanzig Minuten an, um zu fragen, wie es mir geht. Aber sie unterstützen mich vollkommen.

Es gibt Einheiten auf dem Maidan, die sich mit Gewehren und Pistolen bewaffnet haben. Sind Sie selbst bewaffnet?

Nein. Wir sind doch keine Kämpfer! Auch diese Camouflage-Uniform trage ich erst seit Jänner, nach den ersten schweren Straßenkämpfen. Meine Aufgabe ist es vor allem, im Foyer eines Hotels für Ordnung zu sorgen, damit die Ärzte hier ungestört die Verletzten versorgen können.

Gehören Sie zu einer bestimmten Einheit?

Ja. Die Selbstverteidigungseinheiten auf dem Maidan sind in "Sotnjas" (Hundertschaften) aufgeteilt.

Erwarten Sie etwas von den Gesprächen, die die Oppositionsführer mit dem Präsidenten führen?

Ich habe kein Vertrauen mehr in unseren Präsidenten: Bisher hat er nach jeder Gesprächsrunde etwas versprochen - und sein Versprechen später wieder gebrochen. Er muss zurücktreten, zusammen mit seiner Bande.

Welche Rolle spielen für Sie die drei Oppositionsführer?

Von denen halte ich wenig. Sie reden immer viel, aber sie lassen keine Taten folgen. Ich glaube, dass sie zum Beispiel über die Vorbereitung von Attacken auf den Maidan Bescheid wussten - sie haben ja ganz andere Quellen als wir. Sie hätten uns warnen müssen.

Und wem werden Sie Ihre Stimme geben, falls es Neuwahlen gibt?

Am besten gefällt mir Witali Klitschko. Der redet weniger Blödsinn als die anderen. Wenn es nichts mehr zu sagen gibt, setzt er sich hin und schweigt.