Kiew/Wien. (klh) Auf die Menschen und Mächte, die ihn hochgebracht haben, kann Wiktor Janukowitsch nicht mehr zählen: Russland braucht den einst für Moskau so nützlichen Präsidenten nicht mehr und hat sich von ihm distanziert. Und dem einstigen Janukowitsch-Förderer und reichsten Mann der Ukraine, Rinat Achmetow, stehen wohl wie vielen anderen Oligarchen auch seine zukünftigen Geschäfte näher als der gestürzte Präsident.

Es ist einsam geworden um Janukowitsch, der Hüne wurde zum Gehetzten im eigenen Land: Der neu eingesetzte Innenminister Arsen Awakow - ein Vertrauter von Janukowitschs einstiger Erzrivalin Julia Timoschenko - gab am Montag bekannt, dass gegen den abgesetzten Staatschef, wie auch gegen weitere Vertreter der bisherigen Staatsführung, wegen Massenmordes ermittelt werde. Die Polizei fahndete damit nach dem Mann, der erst kürzlich auf die Demonstranten am Kiewer Maidan hatte schießen lassen.

Hals über Kopf hatte Janukowitsch schon am Wochenende seine protzige Luxusresidenz nahe Kiew mit ihren goldenen Wasserhähnen, ihrer Orangerie und ihrer Garage voller Luxuskarossen verlassen: Mit Hubschraubern machten sich der 63-Jährige und seine Entourage in dessen Heimatstadt Donezk auf. Von dort aus wollte man mit Privatjets nach Russland entkommen, doch der Grenzschutz verweigerte die Abfertigung. Daraufhin floh Janukowitsch auf die Krim, wo er - Informationsstand Montagnachmittag - das letzte Mal gesichtet wurde. Den untergetauchten Janukowitsch würden nur noch eine Handvoll Leibwächter und sein Vertrauter Andrij Kljuew begleiten, erklärte Interims-Innenminister Awakow.

Ein Machtrausch, der in Ohnmacht endet

Die Geschichte von Janukowitsch ist die eines hohen Aufstiegs und eines tiefen Falls, eines Machtrausches, der in Ohnmacht endet. Der Arbeitersohn aus den Kohle- und Stahlrevieren der Ostukraine wurde von der sowjetischen KP sozialisiert. Nach der Unabhängigkeit der Ukraine wurde der frühere Boxer mit den Stimmen des vorwiegend russischsprachigen Ostens und den Geldern von Oligarchen zum Premier und Präsidenten. Am Höhepunkt seiner Macht gängelte er die Opposition mit Gerichtsverfahren und Gefängnisstrafen - ganz so, als könnte er nie wieder selbst auf der Seite der Machtlosen stehen.

Doch Janukowitsch hat sich durch eine Kette von Fehlern auch selbst demontiert: Ihm nahestehende Oligarchen soll er verärgert haben, indem er versuchte, seiner eigenen Familie immer mehr Geld und Einfluss zuzuschieben. Und die Demonstrationen am Maidan fachte er durch gewaltsame Polizeieinsätze und autoritäre Gesetze immer weiter an. Janukowitsch schreckte nicht einmal davor zurück, Scharfschützen auf die eigene Bevölkerung schießen zu lassen: Doch schließlich besiegelte er damit nur seinen eigenen Untergang.