Kiew. "Die Wetteransage für die Ukraine: Es wird Lenine regnen", war in den vergangenen Tagen in der Ukraine ein überaus beliebter Witz. Seit der Absetzung des ukrainischen Präsidenten Wiktor Janukowitsch werden im ganzen Land Lenin-Statuen, für viele Zeichen russischer Bevormundung, gestürzt. Lokalen Medien zufolge, die mit dem Zählen kaum nachkommen, sind es bereits weit über 70 Statuen, die unter Applaus von zahlreichenden Anwesenden - oft in stundenlanger Arbeit und ohne Widerstand der Polizei mit schweren Gerätschaften - demontiert wurden. Wer bei den meist im Vorhinein angekündigten Akten nicht vor Ort sein kann, sieht im Internet per Live-Übertragung zu, wie Stahlseile um den Hals des Gründers der Sowjetunion gelegt werden und dieser schließlich unter tosendem Geschrei zumeist erst auf der Nase landet, um danach noch einige Meter auf dem Bauch vorwärts zu rutschen. Seit Dienstag liegt sogar die größte, 14 Meter hohe Lenin-Statue im zentralukrainischen Kremenchuk in Trümmern.

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Die Revolutionäre haben aber nicht nur Lenin-Statuen auf ihrer Liste. Auch anderen Denkmäler aus der kommunistischen Zeit geht es an den Kragen. Am Dienstag etwa wurde in Kiew der rote Stern am Ende des Fahnenmasts des Parlaments abgenommen, während in der Region Lemberg ein Denkmal für den russischen General Michail Kutuzov demontiert wurde. "Stoppt diese Schandtaten", hieß es dazu aus dem russischen Kreml. Letzteres sei ein weiterer "Akt russophoben Vandalismus" in der Ukraine.

Das wahllose Abreißen ist aber auch innerhalb der ukrainischen Bevölkerung nicht unumstritten. "Lenin ist doch Teil unserer Geschichte, genauso wie der Dichter Taras Schewtschenko oder Peter der Große", sagt Katja, eine Einwohnerin Kiews. Andere Gegner ziehen gar Vergleiche mit der Sprengung der Buddha-Statuen im afghanischen Bamiyan durch radikal-islamische Taliban.

"Himmlische Hundertschaft"

Vor manchen Lenin-Statuen, etwa im ostukrainischen Kharkiv, standen tagelang Befürworter und Gegner einander im Schatten des Denkmals gegenüber und debattierten über dessen Schicksal. Schließlich gab man sich demokratisch: Seit Dienstag läuft eine Unterschriftenaktion zur Erhaltung. Gibt es genügend Befürworter, will man von einem Abriss absehen. Der nun aus Sicherheitsgründen eingezäunte Lenin wird nichtsdestotrotz - oft von Mitgliedern der kommunistischen Partei - Tag und Nacht bewacht.

Wer gerade nicht mit umstrittener Vergangenheitsbewältigung beschäftigt ist, kümmert sich aktuell um die Denkmäler der Zukunft. Im ganzen Land werden bereits Orte und Straßen ausgemacht, die man nach der "Nebesnaja Sotnya", der "Himmlischen Hundertschaft" - so werden die fast einhundert in Kiew umgekommenen Demonstranten bezeichnet - benennen kann.