Kiew/Wien. Ein Mann ist, da sind sich die Beobachter in der Ukraine einig, politisch tot. Der Mann ist 39 Jahre alt, sieht nicht so bullig aus wie andere ukrainische Politiker, eher wie ein etwas hagerer Intellektueller. Und er wirkt so gar nicht glücklich nach seiner Beförderung zum Regierungschef: "Dies ist eine Regierung der politischen Selbstmörder", beschreibt Arseni Jazenjuk sein Kabinett. "Wir werden extrem unpopuläre Schritte machen müssen. Die Staatskasse ist leer. Es gibt Schulden von 75 Milliarden US-Dollar", fügte der Mann aus dem westukrainischen Czernowitz hinzu, der lange als Platzhalter für seine inhaftierte Parteichefin Julia Timoschenko gedient hatte.

Kein Wunder, dass der frühere Wirtschafts- und Außenminister, der monatelang auf dem Maidan gegen Ex-Präsident Wiktor Janukowitsch gekämpft hatte, nach seiner Wahl durch das Parlament so wirkte, als wäre er auf einem Begräbnis. Seinen Humor hat Jazenjuk dennoch nicht verloren: "Willkommen in der Hölle", scherzte er.

371 der 417 im Saal der Werchowna Rada anwesenden Abgeordneten stimmten für den ehemaligen Fraktionschef von Timoschenkos Partei "Batkiwschtschyna" (Vaterland). Jazenjuk erhielt auch Stimmen von der Partei der Regionen des gestürzten Präsidenten Wiktor Janukowitsch. Trotz der neuen Einigkeit im Parlament gleicht Jazenjuks Aufgabe, wie ukrainische Medien schreiben, einem Kamikaze-Kommando. Angesichts der maroden Staatsfinanzen würden schon seit mehr als einem Monat keine Pensionen mehr in voller Höhe ausbezahlt, sagte Jazenjuk. Darüber hinaus seien die Goldreserven des Landes geplündert. Und allein in den Jahren 2014 und 2015 wird die Ukraine Finanzspritzen in der Höhe von 25,5 Milliarden Euro brauchen.

Woher die kommen sollen, ist vorerst noch offen. Russland hat die Auszahlung der mit Janukowitsch verhandelten Finanzhilfen auf Eis gelegt, und es ist angesichts des sich stetig steigernden Konflikts mit der neuen, prowestlichen Führung in Kiew kaum zu erwarten, dass Moskau eine prowestliche Regierung stützt. Der Internationale Währungsfonds (IWF), der als Geldgeber in Frage käme, verlangt von der Ukraine für einen Kredit die Erhöhung der Gaspreise auch für Privathaushalte. Die Kostenexplosion beim Gas - die Preise hat sich zuletzt vervielfacht - wurden in den letzten Jahren in der Ukraine zwar an die Industrie, nicht aber an die Haushalte weitergegeben.