Kiew. (vee) Turbulente Szenen im ukrainischen Parlament sind nichts Neues. Alle Monate wieder prügelten sich Abgeordnete in Kiew, unvergessen auch die Episode, bei der sich ein ehemaliger Parlamentssprecher mit einem dunkelblauen Regenschirm vor auf ihn fliegende Eier schützte. Seit der Ernennung der Übergangsregierung war es etwas ruhiger geworden. Nicht nur der gemeinsame Feind - Russland - einte, sondern auch die unter dem Ex-Präsidenten Wiktor Janukowitsch regierende Partei der Regionen, die nun in der Opposition ist, musste sich in Zurückhaltung üben - sie drückte brav die Abstimmungsknöpfe und half so, neue Gesetzesvorhaben im Eilgang durchzuwinken.

Aber bereits bei der Ernennung hatte der neue Regierungschef Arseni Jazenjuk eine dunkle Vorahnung, er sprach gar von einem "politischen Selbstmordkommando". Ein Monat später brechen nun die ersten Gräben auf. Anlass für die Zerwürfnisse ist der Verlust der Halbinsel Krim. Interims-Verteidigungsminister Ihor Tenjuch musste am Dienstag nach scharfer Kritik an mangelnden Befehlen für die Truppen auf der Krim seinen Hut nehmen.

Zwei Monate vor der Präsidentenwahl kritisierte auch Kandidat Witalij Klitschko die Regierung scharf - sie arbeite ineffektiv. Zudem würden nicht alle an der Koalition beteiligten Kräfte, darunter seine Partei Udar, in die Entscheidungen einbezogen. Klitschkos Partei votierte zwar für die Übergangsregierung, stellt selbst aber keine Minister. Offiziell mit der Begründung, es bräuchte professionelle Krisenmanager für die schwierige Zeit nach der Revolution.Beobachter freilich vermuten, Klitschko wollte sich durch eine schlechte Performance seines Teams seine Chancen auf die Präsidentschaft nicht vermiesen. Klitschko forderte am Dienstag auch, weitere Änderungen in der Regierungsriege vorzunehmen und hinterfragte den Übergangspräsidenten und Parlamentssprecher Alexander Turtschinow. Letzterer zettelte daraufhin selbst eine Vertrauensabstimmung gegen sich im Parlament an. Nur zwei Abgeordnete stimmten gegen ihn.

Rechtsextremist erschossen


Zudem erwägen der Krim-Tataren nun eine eigene Volksabstimmung darüber, ob sie zur Ukraine oder zu Russland gehören wollen.

Auch Gesetzlosigkeit und der große Einfluss ultranationalistischer Kräfte erschweren die Arbeit der Regierung. In der westukrainischen Stadt Riwne wurde bei einem Polizeieinsatz Alexander Musytschko erschossen, ein führendes Mitglied der militanten Gruppe Rechter Sektor. Das Innenministerium betonte, der als "Saschko Bilyj" bekannte Aktivist habe bei einem Festnahmeversuch das Feuer eröffnet. Hingegen berichteten örtliche Medien, Einsatzkräfte hätten den Musytschko mit Schüssen in die Brust ermordet. Der Rechte Sektor kündigte Rache an..

"Verdammte Russen abknallen"


Für Wirbel sorgt aber auch ein abgehörtes Telefonat der Ex-Premierministerin Julia Timoschenko. In dem Mitschnitt, der vom russischen Staatssender Russia Today verbreitet wird, sagt die Vertraute von Regierungschef Jazenjuk: "Mist, ich bin selbst bereit, zu den Waffen zu greifen und diese verdammten russischen Hunde zusammen mit ihrem Anführer abzuknallen." Abgehört wurde das Gespräch mit dem ukrainischen Parlamentarier Nestar Schufritsch nach russischen Angaben am 18. März. Timoschenko bestätigte grundsätzlich, dass es ein solches Telefonat gab. Manche Stellen aber - etwa, dass gegen die acht Millionen Russen in der Ukraine mit Atomwaffen vorgegangen werden sollte - seien manipuliert worden, twitterte die 53-Jährige, die sich gleichzeitig für die Schimpfwörter auf dem Band entschuldigte und mit einem Smiley den russischen Geheimdienst FSB grüßte.

Beobachter schließen nicht aus, Timoschenko selbst könnte hinter dem Bekanntwerden der Aufnahme stecken. Sie setzt bereits seit Längerem auf die antirussische Karte, um sich für die Präsidentschaftswahlen - an der sie wohl teilnehmen wird - neu zu positionieren.Siehe auch Seite 25