Sie haben vorher gesagt, Ukraine ist nicht Nicht-Russland. Aber was ist die Ukraine dann?

Ich weiß das bis heute nicht. Was bin ich als Ukrainerin? Das ist schwierig, weil wir immer okkupiert waren. Es gab immer Befreiungsbewegungen, die dann vernichtet wurden. Wir haben nach dem Ersten Weltkrieg drei Jahre gegen die Russen gekämpft. 1937 wurden mehr als 300 ukrainische Schriftsteller getötet. Wenn ein Volk ohne Elite ist, was soll dieses Volk dann machen? Dann mussten Millionen Bauern ihren Grund und Boden hergeben und als Sklaven arbeiten. Das Gesellschaftssystem wurde zerstört. In den 1960er und 70er Jahren gab es wieder Deportationen nach Sibirien. Dann wurden wir unabhängig, aber wir sind eine geköpfte Gesellschaft.

Die Ukraine kämpft gerade jetzt verzweifelt um ihre Existenz.

Ja, die Jungen, meine Generation, haben diese Revolution bewerkstelligt. Und jetzt droht uns wieder diese physische Gefahr von außen. Geschichte wiederholt sich, es ist immer wieder dasselbe.

Die USA und Europa protestieren ja lautstark gegen die Annexion der Krim, die Nato schickt sogar Kampfflieger nach Osteuropa. Beruhigt Sie das?Oder haben Sie das Gefühl, dass die Ukraine verraten werden könnte?

. . . was ja immer wieder in der Geschichte der Fall war. Wir wurden immer verraten. Die Welt hat zugeschaut, schon als wir nach 1918 drei Jahre gegen die russischen Kommunisten gekämpft haben. Und Russland hat ein massives Interesse an der Ukraine. Ohne die Ukraine gibt es kein großes, mächtiges Russland. Aber es geht jetzt gar nicht mehr um die Ukraine sondern darum, Putin einen Riegel vorzuschieben. Sonst macht er immer weiter.

Sie haben nicht das Gefühl, dass der Westen seine schützende Hand über die Ukraine hält?

Ich fühle mich nicht beschützt.

Sie leben und schreiben jetzt in Österreich. Sind Sie mit der Haltung der hiesigen Politiker zur Krim-Krise einverstanden?

Österreich verhält sich neutral und ist ziemlich vorsichtig. Ich sehe das wie eine Ausländerin. Mir hat einmal jemand gesagt, die österreichische Außenpolitik sei mit Bruno Kreisky gestorben. Aber ich war sehr glücklich, als ich gehört habe, dass Dmytro Firtasch (ukrainischer Oligarch, Anm.) in Wien verhaftet wurde. So glücklich und so stolz auf Österreich war ich noch nie.

Wer soll die Führung in der Ukraine übernehmen?

Wir wollen Reinigung in der Politik. Niemand, der früher in der Politik war, darf das Ruder übernehmen. Alle alten Politiker müssen weg. Für die Übergangszeit sind auch Politiker akzeptabel, die das alte System kennen. Es geht aber darum, einen neuen Staat zu bauen. Julia Timoschenko, der Unternehmer Petro Poroschenko - die gehören alle zum alten System. Aber das Volk wird die Politiker künftig kontrollieren, es wird die Politiker erziehen. Ich will nicht mehr diese Götter haben, Politiker sind nur Diener. Das Volk ist wie Vieh. Die Sonderpolizisten auf dem Maidan haben die Leute "das Vieh" genannt. Es sollte eigentlich umgekehrt sein. Wir sind die Herren im Land.

Porträt

Tanja Maljartschuk wurde 1983 in Iwano-Frankiwsk geboren. Dort studierte sie Philosophie an der Nationalen Wassyl-Stefanyk-Universität. Seit 2011 lebt und arbeitet sie in Wien. 2004 erschien ihr erstes Buch "Endspiel Adolfo oder eine Rose für Lisa" im Verlag Lilea. 2006 folgte "Von oben nach unten". Der Erzählband "Neunprozentiger Haushaltsessig" kam 2009 auf den Markt. Gemeinsam mit zehn weiteren Autoren arbeitete Maljartschuk an dem Werk "Wodka für den Torwart", das elf Geschichten rund um das Thema Fußball enthält. 2013 wurde ihr vorläufig letztes Werk, der Roman, "Biografie eines zufälligen Wunders" veröffentlicht.

Am vergangenen Samstag war Maljartschuk zu Gast bei den "Rauriser Literaturtagen". Dort bestritt sie mit Robert Menasse und Andrea Grill ein "Gespräch über Kindheit". Moderiert wurde die Veranstaltung von der langjährigen Leiterin des Literatur-Events, Brita Steinwendtner.

Mit dem Autor Juri Andruchowytsch, der zu den Wortführern des Maidan gehörte, und den Schriftstellern Oleksandr Kabanov, Oksana Forostyna, Natalka Sniadanko und Andrej Kurkow stand Maljartschuk zuletzt auf der Leipziger Buchmesse im Mittelpunkt des Interesses.

Sie wird vom 10. bis zum 13. April beim Festival "Literatur & Wein" im Stift Göttweig aus "Biografie eines zufälligen Wunders" vortragen.