Belfast. Ein rauer Wind weht über das Titanic Quarter in Belfast, jenen Ort, an dem vor mehr als 100 Jahren das größte Kreuzfahrtschiff der Welt gebaut wurde. Es ist nasskalt und ungemütlich. Dichter Rauch steigt aus den Backsteinhäusern auf, am Hafen verladen Kräne Rohstoffe auf Schiffe, die Ölplattform von Blackford Dolphin wird wieder seetauglich gemacht. Das Titanic Quarter boomt. Neue Bürokomplexe werden gebaut, in den nächsten Jahren sollen tausende Jobs entstehen. Der Hafen öffnet Belfast das Tor zur Welt. Doch so fortschrittlich der Distrikt ist, so rückwärtsgewandt ist manchmal der Rest der nordirischen Hauptstadt.

Vor einem Jahr kam es in Belfast zu Krawallen zwischen probritischen und pro-irischen Demonstranten. Es flogen Feuerwerkskörper und Brandsätze durch die Straßen. Der Auslöser war eine Entscheidung des Stadtrats, die britische Flagge nur noch zu bestimmen Anlässen zu hissen. Seit 1969 trennt die sogenannte "Peace Wall" protestantische und katholische Viertel. Ein hässliches Ungetüm aus Beton und Stacheldraht. Die Stadt ist auch 16 Jahre nach dem Abschluss des Karfreitagsabkommens, mit dem der Nordirland--Konflikt offiziell beendet wurde, noch immer religiös segregiert.

In manchen Vierteln gibt es nur ein Prozent Katholiken oder Protestanten. So wie in Sandy Row, einer kleinen, unscheinbaren Straße im Osten Belfasts. Sandy Row ist ein protestantisches Arbeiterviertel. Die Geschäfte sind verriegelt, sonntags wirkt das Viertel wie eine Geisterstadt. An einem Backsteinhaus prangt ein überlebensgroßes Porträt Wilhelms von Oranien.

Der Orange Order hat hier seine Hochburg. Mit der traditionellen Parade am 12. Juli erinnert der Orden an den Sieg von Wilhelm von Oranien über den katholischen König Jakob II. in der Schlacht von Boyne 1690. Ein Plakat erinnert an das Thronjubiläum der Queen 2012, vor einem anderen Haus steht die Aufschrift "britisch und stolz". Überall weht der Union Jack, die britische Flagge. Die Botschaft ist unmissverständlich: Wir gehören zu Großbritannien. Beim Flaggenstreit flammte auch in Sandy Row die Gewalt wieder auf.

Eine Brücke, die trennt


Sprechen wollen hier nur die wenigsten. Ein Mann namens Garath spaziert mit seinem Sohn durch die Straße entlang. "Wir sind hier im protestantischen Viertel", betont er. "Hinter der Brücke ist das Feindgebiet. Wir gehen nicht rüber, sie kommen nicht her. So ist das." Der Mann mit der gedrungenen Statur sagt das mit einer befremdlichen Selbstverständlichkeit. Als ob es an dieser Regel nichts zu rütteln gäbe. Garath wurde in dem Viertel geboren, hier wurde er sozialisiert. Und vermutlich wird er die Kriegsrhetorik an seinen Sohn weitergeben. Selbst beim Biertrinken endet die Feindschaft nicht. "Wir haben unsere Bars und die ihre", sagt der Mann trotzig. Auf einer Backsteinmauer steht geschrieben: "Stay out of Sandy Row". Bleibt fern von Sandy Row! Über die Boyne Bridge geht es ins katholische Arbeiterviertel. Die Brücke verbindet nicht, sie spaltet.

Vor einem betrüblichen Betonkomplex steht Gerland, ein 36-jähriger Sozialarbeiter mit schwarzem Kapuzenpulli und Dreitagebart. Die Politik interessiert ihn nicht. "Ich wähle schon lange nicht mehr", sagt der Mann regungslos. Gerland wurde katholisch getauft, er ist aber schon lange aus der Kirche ausgetreten. Im Alter von acht Jahren nahm er im Rahmen einer Friedensinitiative an einem Austauschprogramms nach Österreich teil - zum symbolischen Preis von einem Pfund.

Instrumentalisierte Geschichte


Gerland landete bei einer Familie in Salzburg. Die Reise von den bürgerkriegsähnlichen Zuständen ins Alpenidyll ist für ihn bis heute ein prägendes Erlebnis. Damals konnte er kaum glauben, dass es auch Schulen ohne Militärschutz gibt. Der Austausch öffnete ihm die Augen. "Statt zu fragen, wo du herkommst, fragten sie mich: Wie war dein Tag?" Er war nicht mehr "der Katholik", sondern ein ganz normaler Jugendlicher. Die Religion spielte keine Rolle.

Auch heute verläuft die Konfliktlinie für Gerland nicht entlang der Konfession, sondern der politischen Zugehörigkeit - Nationalismus versus Loyalismus. Dublin oder London. Er fühlt sich als Ire, obwohl er einen britischen Pass in der Tasche hat. "Die Peace Wall hat keinen Frieden geschaffen, sie hat das Problem verschärft", sagt er. "Die Geschichte erzählt doch die Wahrheit", fügt er verbittert hinzu. "Nach der Invasion des Britischen Empire wurden die katholischen Iren unterdrückt." Doch mit der Geschichte ist es so eine Sache. Sie wird verklärt, bisweilen instrumentalisiert. Während des Nordirland-Konflikts lieferten sich Paramilitärs der loyalistischen Ulster-Bewegung und der irisch-republikanischen IRA blutige Häuserkämpfe. Schüsse peitschen durch die Stadt, Sprengsätze detonierten.

Die Vergangenheit holt auch die Tagespolitik immer wieder ein. Nordirlands Regierungschef Peter Robinson drohte jüngst mit Rücktritt, als bekannt wurde, dass den IRA-Männern, die für den Bombenanschlag von 1982 im Londoner Hyde Park verantwortlich waren, im Zuge der Friedensverhandlungen Straffreiheit gewährt würde. Robinson forderte eine transparente juristische Aufarbeitung. "Ich werde keine Verwaltung führen, wo nicht die Rule of Law obsiegt." Der ewige Konflikt ist zudem ein enormer Kostenfaktor. Knapp ein Drittel des gesamten Polizeibudgets in Nordirland fließt angesichts von Gewalt, Aufständen und den im Juli immer wieder eskalierenden Oranier-Märschen in die Herstellung der öffentlichen Ordnung.