Die Geschichte der Staatlichkeit auf dem Gebiet der Ukraine beginnt mit zwei archetypisch europäischen Begegnungen. Zum mittelalterlichen Staat auf dem Gebiet der heutigen Ukraine gehört wie in Frankreich und England eine Begegnung mit den Wikingern. Die Männer aus dem Norden versuchten, eine Handelsroute zwischen der Ostsee und dem Schwarzen Meer herzustellen und benutzten das am Dnjepr gelegene Kiew als Handelsstation. Ihre Ankunft fiel mit dem Zusammenbruch eines früheren Chasaren-Staats zusammen, und ihre Führer heirateten Frauen aus der einheimischen slawischsprachigen Bevölkerung. So entstand das Gebilde, das als Kiewer Rus bekannt ist.

Wie alle Staaten im mittelalterlichen Osteuropa war die Rus eine heidnische Region, die sich weniger zum Christentum bekehrte, als dass sie zwischen dessen westlicher und östlicher Variante wählte. Wie alle ihre Nachbarn zögerte sie zwischen Rom und Byzanz, bis ihre Herrscher sich für letzteres entschieden. Die Rus wurde durch Nachfolgestreitigkeiten ernsthaft geschwächt, bevor sie in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts durch die Ankunft der Mongolen zerstört wurde.

- © Peter M. Hoffmann
© Peter M. Hoffmann

An diesem Punkt zerfällt die Geschichte der Rus in verschiedene Teile. Die meisten Gebiete der Rus übernahm das Großfürstentum Litauen, ein riesiger Kriegerstaat mit der Hauptstadt Vilnius. Die litauischen Großfürsten stilisierten sich zu Erben der Rus und übernahmen zahleiche kulturelle Errungenschaften des Landes, zum Beispiel das Slawische als Hofsprache und Rechtstraditionen. Die Großfürsten waren zwar heidnische Litauer, ihre Untertanen jedoch in der Mehrzahl Ostchristen. Als die Großfürsten von Litauen in Personalunion auch Könige von Polen wurden, gehörten die meisten Teile der Ukraine dem größten europäischen Staat an. Durch die Verfassungsreform von 1569 konstituierte sich dieser Staat zu einer Adelsrepublik, dem Doppelstaat Polen-Litauen. In dieser "Republik beider Völker" gehörten die ukrainischen Lande zur polnischen Krone, die weißrussischen zum Großfürstentum Litauen. So wurde innerhalb der alten Rus eine neue Trennungslinie geschaffen.

Timothy Snyder. - © Wiener Zeitung / Thomas Seifert
Timothy Snyder. - © Wiener Zeitung / Thomas Seifert

Dies war die erste Epoche eines oligarchischen Pluralismus in der Ukraine. Ukrainische Adelige hatten Sitz und Stimme in den Vertretungsorganen der Republik, doch die große Mehrheit des Volkes war in riesigen Landgütern organisiert, die Getreide für den Export produzierten. Zu den örtlichen Kriegsherren gesellten sich polnische Adlige hinzu wie auch Juden, die halfen, eine Feudalordnung im Lande zu errichten. In dieser Zeit beteiligten Juden sich an der Schaffung von Kleinstädten, die als Schtetl in die Geschichte eingingen.

Das politische System führte zum Kosakenaufstand von 1648, in dem Freie, die sich dem System entzogen hatten, dessen Ordnung in Frage stellten. Sie schlossen ein schicksalhaftes Bündnis mit einem rivalisierenden Staat, der gleichfalls seine Wurzeln in der alten Rus hatte, dem Großfürstentum Moskowien. Die Stadt Moskau hatte an der Ostgrenze der Rus gelegen, und anders als die meisten Teile der Rus blieb sie unter direkter mongolischer Herrschaft. Während die Gebiete des heutigen Weißrussland und der Ukraine über Vilnius und Warschau mit der Renaissance und der Reformation in Berührung kamen, erreichte keine dieser Entwicklungen Moskau.

Die Loslösung Moskaus von der mongolischen Herrschaft wird herkömmlich auf das Jahr 1480 datiert. Die Großfürsten von Moskau stilisierten sich wie die von Litauen zu Erben der Kiewer Rus. Aber nach der Zerstörung dieses mittelalterlichen Staates übten sie fast ein halbes Jahrtausend lang keine Herrschaft über dieses Gebiet aus. Die meiste Zeit wurde Kiew von Vilnius und Warschau aus regiert.

Mit den Kosakenaufständen begann der Niedergang des Doppelstaats Polen-Litauen; sie schufen die Voraussetzungen dafür, dass die Herrschaft über Kiew von Polen auf Moskowien überging. 1667 wurde das Territorium der heutigen Ukraine zwischen Polen-Litauen und Moskowien aufgeteilt, wobei Kiew an Moskau ging. Das ermöglichte den Kontakt zwischen Moskowien und Europa, und gebildete Eliten aus der Universität Kiew gingen nach Norden, um als Beamte und Fachleute in dem wachsenden Reich zu arbeiten. Dasselbe Muster wiederholte sich, als Polen-Litauen Ende des 18. Jahrhunderts vollständig zwischen Moskowien (nun das Russische Reich), Preußen und der Habsburger Monarchie aufgeteilt wurde. Das Russische Reich, das auf dem Gebiet der Höheren Bildung keine Tradition besaß, nutzte die in Vilnius und Kiew ausgebildeten Männer für seine Zwecke.

Im 19. Jahrhundert folgte die ukrainische Nationalbewegung gleichfalls recht typisch europäischen Mustern. Einige dieser gebildeten Leute, Laien und Geistliche, begannen gegen ihre eigenen Biographien zu rebellieren und erklärten, nicht die Eliten, sondern die Massen seien das Subjekt der Geschichte. Diese Entwicklung begann in Charkiv und breitete sich von dort nach Kiew und über die russisch-habsburgische Grenze nach Lviv (Lemberg) aus. Ukrainische Historiker des 19. Jahrhunderts gehörten zu den führenden Vertretern der europaweiten, in der Ukraine als Populismus bezeichneten Tendenz, das einfache Volk zu romantisieren. Dieser intellektuelle Schachzug ermöglichte auch die Vorstellung einer gemeinsamen ukrainischen Nation über die Grenzen des Russischen Reichs (wie Moskowien nun genannt wurde) und der Habsburger Monarchie hinweg (wo in einem kleinen, Ostgalizien genannten Gebiet Menschen lebten, die, wie wir heute sagen würden, ukrainisch sprachen).

Wie im übrigen Osteuropa brachte der Erste Weltkrieg das Ende überkommener Reiche und zugleich Bestrebungen, auf der Grundlage des Wilson'schen Prinzips der Selbstbestimmung Nationalstaaten zu schaffen. Doch in der Ukraine kam es gleich zu zwei Versuchen dieser Art, einem auf dem Gebiet der Habsburger Monarchie und einem auf dem des Russischen Reiches. Der erste wurde von den Polen vereitelt, denen es gelang, Ostgalizien ihrem neuen Staat einzuverleiben. Der zweite musste sowohl gegen die Rote Armee als auch gegen deren weiße Gegner fechten, die zwar gegeneinander kämpften, aber darin übereinstimmten, dass die Ukraine Teil einer größeren politischen Einheit bleiben sollte. Obwohl die ukrainische Nationalbewegung mit denen in anderen osteuropäischen Regionen vergleichbar war und obwohl mehr Menschen für die Ukraine kämpften und starben als für die meisten anderen nach 1918 entstehenden Nationalstaaten, scheiterte der Versuch auf der ganze Linie. Nach einer äußerst komplizierten Serie von Ereignissen, in deren Verlauf Kiew ein Dutzend Mal besetzt wurde, trug die Rote Armee den Sieg davon, und 1992 entstand eine sowjetische Ukraine als Teil der neuen Sowjetunion.

Gerade weil die ukrainische Nationalbewegung so schwer zu unterdrücken war und weil die sowjetische Ukraine die westliche Grenzregion der Sowjetunion bildete, war die Frage ihrer europäischen Identität von Anfang an von zentraler Bedeutung für die sowjetische Geschichte. In der sowjetischen Politik bestand eine ambivalente Einstellung gegenüber Europa: Die sowjetische Modernisierung sollte die kapitalistische Moderne Europas nachahmen – allerdings nur, um sie zu überflügeln. Dabei konnte Europa je nach Zeit, Perspektive und Stimmung der Führer als fortschrittlich oder als rückschrittlich dargestellt werden. In den 1920er Jahren förderte die sowjetische Politik die Entwicklung einer intellektuellen und politischen Klasse in der Ukraine, weil man glaubte, aufgeklärte Ukrainer würden sich für die sowjetische Zukunft entscheiden. In den 1930er Jahren versuchte die sowjetische Politik, die ländlichen Regionen der Ukraine zu modernisieren, indem man den Boden in Kollektiveigentum überführte und die Bauern zu Angestellten des Staates machte. Das führte zu massivem Widerstand in der Bauernschaft, die an das Privateigentum glaubte, sowie zu sinkenden Ernteerträgen.

Im Zentrum von Stalins "innerer Kolonisierung"

Joseph Stalin verwandelte diese gescheiterten Bemühungen in einen Sieg, indem er ukrainische Nationalisten und deren ausländische Unterstützer für den Misserfolg verantwortlich machte. Er requirierte weiterhin Nahrungsmittel in der Ukraine, obwohl er sehr genau wusste, dass er damit Millionen von Menschen dem Hungertod überantwortete, und er vernichtete die ukrainische Intelligenz. Mehr als drei Millionen Menschen verhungerten in der sowjetischen Ukraine. Die Folge war eine neue sowjetische Einschüchterungskampagne, in der Europa nur als Bedrohung dargestellt wurde. Stalin stellte die absurde, aber wirkungsvolle Behauptung auf, Ukrainer hungerten sich auf Befehl aus Warschau willentlich zu Tode. Später behauptete die sowjetische Propaganda, wer die Hungersnot erwähne, müsse ein Agent Nazideutschlands sein.

So begann die Politik des Faschismus und Antifaschismus, in der Moskau der Verteidiger alles Guten war und seine Kritiker Faschisten sein mussten. Die äußerst wirkungsvolle rhetorische Pose schloss ein wirkliches sowjetisches Bündnis mit den wirklichen Nazis 1939 keineswegs aus. Angesichts des aktuellen Rückgriffs der russischen Propaganda auf den Antifaschismus ist dies ein wichtiger Punkt, an den man denken sollte: Der grandiose moralische Manichäismus sollte allein dem Staat dienen und setzte ihm daher keinerlei Grenzen. Der Rückgriff auf den Antifaschismus als Strategie ist etwas ganz anderes als der Kampf gegen wirkliche Faschisten.

Die Ukraine stand im Zentrum der Politik, die Stalin als "innere Kolonisierung" bezeichnete; und sie stand auch im Zentrum der Hitler'schen Pläne für eine äußere Kolonisierung. Sein "Lebensraum" war in erster Linie die Ukraine. Deren fruchtbare Böden sollten von sowjetischer Macht gesäubert und für Deutschland ausgebeutet werden. Man plante, Stalins kollektivierte Landwirtschaft beizubehalten, die landwirtschaftlichen Erzeugnisse aber von Ost nach West umzuleiten. Deutsche Planer erwarteten, dass dabei etwa dreißig Millionen Einwohner der Sowjetunion verhungern würden. Nach dieser Denkweise waren die Ukrainer natürlich Untermenschen, unfähig zu einem normalen politischen Leben und nur für eine Kolonisierung geeignet. Kein europäisches Land wurde einer so intensiven Kolonisierung unterworfen wie die Ukraine, und kein europäisches Land musste derart leiden. Zwischen 1933 und 1945 war die Ukraine der tödlichste Ort der Erde.

Im heutigen Deutschland bleibt der Aspekt der Kolonisierung weitgehend unbeachtet. Die Deutschen denken an die Verbrechen gegen die Juden und gegen die (fälschlich mit Russland gleichgesetzte) Sowjetunion, aber fast niemand in Deutschland erkennt an, dass der Hauptgegenstand des kolonialen Denkens und Tuns Deutschlands gerade die Ukraine war. So prominente deutsche Politiker wie Helmut Schmidt zögern selbst heute nicht, die Ukrainer von den normalen Regeln des Völkerrechts auszuschließen. Der Gedanke, wonach die Ukrainer keine Menschen seien, besteht fort, jetzt mit der böswilligen Wendung, dass die Ukrainer für die Verbrechen in der Ukraine verantwortlich gemacht werden, die in Wirklichkeit deutsche Politik waren und zu denen es ohne einen deutschen Krieg und ohne eine deutsche Kolonisierungspolitik niemals gekommen wäre.