Er herrscht nun: Ein prorussischer Milizionär posiert. - © reu/M. Djurica
Er herrscht nun: Ein prorussischer Milizionär posiert. - © reu/M. Djurica

Donezk. "Was habe ich denn getan?", kreischt die Frau mit Pferdeschwanz zwei Männer in Uniform an, die sie an den Oberarmen in das Vorzimmer von Kabinett 225 führen. "Setzen", sagt einer. Und fordert die Frau auf, zu erklären, was sie ohne Erlaubnisschein hinter den ersten von mehreren Barrikaden des mittlerweile zur Festung ausgebauten Hauptquartiers der Separatisten im ostukrainischen Donezk zu suchen gehabt hätte. Der Frau gegenüber sitzt ein anderer junger Mann in Camouflage in einem schwarzen Ledersessel, der sein Armeemesser ständig auf- und zuklappt und in der Hand dreht.

Zur Linken der Festgehaltenen befindet sich hier, bei den Helfershelfern eines der Koordinatoren der Volksrepublik Donezk, ein Mann, ebenfalls in Tarnkleidung, der gerade noch auf einem Bürosessel mit auf den Tisch ausgestreckten Beinen geschlafen hatte, durch das Geschrei aber aufwachte. In der Mitte seiner schwarzen Schutzweste steckt ein großes Messer, links und rechts je eine Pistole, eine davon mit sehr langem Lauf. "Ich sage Ihnen doch, ich bin Journalistin, hier aus Donezk", sagt die Frau. Sie schreibe an einer Reportage über das Referendum. Sie hätte sich nur umgesehen, niemandem auch nur eine einzige Frage gestellt.

Einschüchterung, Angst und Hysterie

Den Männern reicht diese Erklärung offenbar nicht. Der Vor-, Vaters- und Familienname der Frau wird notiert. Sie trage keine Dokumente bei sich, da ihr Arbeitgeber geraten habe, keine zu Recherchen mitzunehmen. Daher habe sie auch keinen Presseausweis dabei. Sie teilt den Männern entnervt ihre genaue Wohnadresse mit und sagt, sie könnten gerne auf der Stelle mit ihr hinfahren und sich die Dokumente ansehen. "Klar", sagt einer der Männer spöttisch. "Dürfen wir dich sonst auch noch wohin bringen?" Und überhaupt, bevor sie nicht mit dem Koordinator Roman gesprochen hätte, der sich ihren Fall ansehen werde, gehe sie nirgendwohin.

Doch der Koordinator ist woanders beschäftigt und gerade nicht in dem seit mehr als einem Monat von prorussischen Aktivisten besetzten Gebäude der Gebietsverwaltung von Donezk. Die Mittvierzigerin macht ihre Empörung über die Festhaltung lautstark kund und schreit einen nach dem anderen an. Artjem, ein jüngerer Mann in Zivil, der aber ebenfalls zu den Aktivisten gehört und ständig rein- und rausläuft, fragt die Frau nach der Telefonnummer ihres Arbeitgebers, um zu überprüfen, ob sie wirklich Journalistin sei. Sie wiederum gibt an, sie wisse die Nummer nicht auswendig, sie rufe immer von daheim vom Festnetz aus an, dort hätte sie auch die Nummer liegen. Sie sei keine fixe Mitarbeiterin, sondern liefere nur Artikel zu. Die Männer werfen sich ungläubige Blicke zu.

Sie nehmen der Frau ihr Handy ab und sehen die letzten Anrufe und Mitteilungen durch. Einem weiteren Mann geht das Geschrei zwischen den Parteien inzwischen auf die Nerven, er schlägt vor, doch den Innen-Geheimdienst der Besetzer zu rufen, um die Informationen aus ihr herauszuprügeln. Die Frau wandelt bereits an der Grenze zwischen Hysterie und Zusammenbruch.

"Was flennen Sie denn jetzt", sagt einer der Männer. "Wenn Ihre Geschichte stimmt, haben sie nichts zu befürchten", fährt er fort. "Na, dann wird wohl ihre Geschichte nicht stimmen", sagt ein anderer mit hämischem Grinsen.

"Hahaha! Seht mal, wen ich hier habe!" Ein weiterer Mann in Uniform erscheint in dem großen Vorzimmer und schwenkt triumphierend eines der zahlreichen Fotos, die über das ganze Gebäude verteilt hängen, in der rechten Hand. Es ist eines der Bilder von Personen, die von den prorussischen Aktivisten gesucht werden, wobei kein Vorwurf vermerkt ist, nur die Köpfe auf A4-Größe ausgedruckt sind. Der Milizionär hält mit seiner linken Hand einen Mann fest, der genau so aussieht wie der Mann auf dem Foto. Die Rebellen können es nicht fassen, klopfen sich auf die Schenkel und lachen.

Der Mann wird auf den Sessel neben der Journalistin verfrachtet, einer der Milizionäre hält das Bild direkt neben seinen Kopf. Der Festgehaltene zittert, sagt, er habe keine Ahnung, wie diese zu seinem Bild gekommen seien und wieso er festgehalten werde, er sei nur vor dem Gelände des besetzten Gebäudes gestanden, hätte nichts getan, er sei doch auch für eine Donezker Volksrepublik. Der Mann, der das Bild hält, während ihm seine Zigarette aus dem Mundwinkel hängt, sagt dem Festgehaltenen, er solle schweigen und gefälligst seinen Kopf in genau der Stellung halten wie auf dem Bild. Nun sind sie überzeugt, dass er der Mann auf dem Foto ist. Auch er müsse auf Roman, den Koordinator warten.

Der hagere Mann zittert noch mehr, erklärt mehrmals, er sei doch auf ihrer Seite, zudem sei er Invalide, sie sollen ihm doch bitte nichts antun. Neben ihm legt einer der Männer seine Waffen, die er an sich trägt, auf einem Tisch aus. Er beginnt, den Lauf zurückzuziehen, die Waffe zu entsichern und wieder zu sichern. Dann steckt er sie wieder weg.

Gleichzeitig kommt ein gut fünfzig Jahre alter Mann mit Kalaschnikow in den Raum, der ebenfalls den Koordinator sucht, und beginnt mit dem jüngeren Mann zu streiten, der zuvor der Journalistin am meisten zugesetzt hatte. Er erklärt diesem in forschem Ton, während er dem Jüngeren dessen eigenen Erlaubnisschein vor die Nase hält, dass dieser nicht mehr gültig sei. Er weist ihn an, alle Erlaubnisscheine neu auszustellen und Ordnung in das System zu bringen.