"Komm mal runter, keiner hat vor, dich umzubringen"

Kurz, nachdem abermals Bewaffnete in das Vorzimmer kamen, um sich aus einer Kiste Gasmasken zu holen, läutet das Handy des festgehaltenen Mannes. Er überlegt kurz, ob er abheben soll, macht es aber nicht. Schließlich wird auch ihm das Telefon abgenommen und einer der Männer geht durch die Kontakte, aber auch Fotos, und lässt sich manche Fotos von ihm erklären, fragt, warum er diese aufgenommen habe. Der weiterhin bibbernde Mann wird schließlich von einem der Männer mit den Worten "Jetzt komm mal runter, keiner hat vor, dich umzubringen" beruhigt. Mittlerweile ist mehr als eine Stunde vergangen, von Roman aber weiterhin keine Spur. Ein Teil der Männer beschließt, den Mann auf dem Gang zu befragen. Von dort ist der Vorwurf zu hören, dass er Zeitungen verteilt hätte. Die Diskussion dauert einige Minuten an, schließlich wird er freigelassen.

Inzwischen ist Roman, der Koordinator, gekommen. Als Erstes wird jedoch ein Mann vorgelassen, der Konstruktionen aus Eisen mithat, die wohl als Straßensperren eingesetzt werden sollen. Er habe eine ganze Ladung mit und wolle wissen, wo er sie hinbringen soll. Als die Frage entschieden ist, kommt einer von Romans Helfern aus dem Zimmer und fragt nach dem festgehaltenen Mann. Dieser solle nun sofort kommen. Als ihm gesagt wird, sie hätten ihn schon entlassen, macht er ein langes Gesicht.

Und als Roman von einem weiteren Mann drei Mädchen unter zwanzig, eine davon mit einem kleinen Hund in der Hand, vorgeführt bekommt, die auch keinen Erlaubnisschein hätten oder nicht für den Ort im Gebäude, an dem sie aufgegriffen worden waren, marschiert die Journalistin kurzerhand in sein Kabinett und setzt sich hin - wohl müde dessen, dass sie noch immer warten muss. Die Mädchen werden in ein anderes Zimmer geschickt, in dem sie neue Erlaubnisscheine erhalten - immerhin helfe die Mutter einer bei der Durchführung des Referendums. Roman folgt der Journalistin ins Kabinett und schließt die Tür. Wenige Minuten später wird auch sie entlassen. Man müsse dieses genaue Vorgehen und Überprüfen aber doch auch verstehen, wurde ihr gesagt, denn es wimmle nur so von Provokateuren rund um das Referendum. Das lasse einem gar keine andere Wahl.

Eine ganze Region wird mundtot gemacht

So glimpflich wie für die Journalistin und den Mann geht es aber, folgt man den zahlreichen Medienberichten, nur selten aus. Die Rebellen hätten die Jagd auf alle eröffnet, die nicht ihrer Meinung sind, hört man hier unter vorgehaltener Hand. Analysten sprechen bereits von gezielter Terrorisierung der ganzen Region. Die Polizei bleibt dabei weitgehend untätig, hebt teilweise nicht einmal mehr die Notrufnummer ab. Zahlreiche Menschen in der Donbass-Region wurden in den vergangenen Wochen entführt, manche tot wiedergefunden.

Studentinnen in Donezk erzählen, dass maskierte Männer in ihre Universität kamen und verlangten, die ukrainische Fahne abzunehmen, oder man sonst "alle abfackeln" würde. Alleine die Bemerkung, eine ukrainische Fahne in der Tasche zu tragen, reicht, um bei den Menschen in der Provinz Donezk Schweißausbrüche, ja Panikattacken auszulösen. "Wir können unsere proukrainische Gesinnung nicht ausdrücken", sagen die Studentinnen. Ein Donezker Angestellter fühlt sich in die chaotischen, gesetzlosen 1990er Jahre zurückversetzt, als Banditen herrschten. "Nein", sagt er dann. Es werde nicht so wie damals. "Es wird noch schlimmer."