Dnipropetrowsk/Kiew. Dnipropetrowsk und Donezk könnten so etwas wie "Twin Cities" der Ukraine sein: Beide Städte gelten als Metropolen der Schwerindustrie. Aus beiden Städten kommen die reichsten Oligarchen des Landes. Die ukrainische Politik wird seit der Unabhängigkeit 1991 von Clans beherrscht, die aus den beiden Machtzentren kommen: Der gestürzte Präsident Wiktor Janukowitsch stammte aus dem Gebiet Donezk, seine Rivalin Julia Timoschenko ebenso wie Ex-Präsident Leonid Kutschma aus Dnipropetrowsk. Beide Städte liegen im Osten des Landes. In beiden Städten wird mehrheitlich russisch gesprochen - auch die heute betont ukrainisch-national auftretende Timoschenko hat die ukrainische Sprache erst nach ihrem 30. Geburtstag erlernt.

Und doch verhalten sich die zwei Städte in der aktuellen Krise in der Ukraine komplett unterschiedlich: Während im Gebiet Donezk prorussische Separatisten staatliche Gebäude stürmen, eine "Volksrepublik Donezk" ausrufen, ein Referendum abhalten lassen und um Aufnahme in die Russische Föderation ansuchen, herrscht in Dnipropetrowsk offenbar tiefer Frieden. "Bei uns ist es ruhig", sagt Valeria, eine Einwohnerin der Stadt, der "Wiener Zeitung" am Telefon. "Die Leute gehen spazieren, die Geschäfte haben offen - es hat sich nichts geändert. Es ist nur alles sehr teuer geworden", meint die 50-jährige Frau. "Viele Leute denken daran, wie sie zu Geld kommen, um ihre Familie zu ernähren."

Die Unterschiede zu Donezk sind kein Zufall: Obwohl Dnipropetrowsk in der Sowjetzeit eine extrem wichtige Industriemetropole war, in deren Rüstungskomplex "Juschmasch" die sowjetischen Interkontinentalraketen hergestellt wurden, und obwohl der ehemalige Staats- und Parteichef Leonid Breschnew hier groß wurde und vielen Kadern aus Dnipropetrowsk - ohne Umweg über Kiew - hohe Posten in Moskau verschaffte, ist die Erinnerung an die Sowjetzeit am Dnjepr nicht ungetrübt. Die Erinnerung an den Holodomor, den Hungermord an Millionen Ukrainern unter Sowjetdiktator Josef Stalin 1932/33, ist noch lebendig - anders als in der Gruben- und Hüttenstadt Donezk, deren Arbeiterschaft nach dem Zweiten Weltkrieg eingewandert war.

10.000 US-Dollar Kopfgeld


Aber auch ein kluger Schachzug der ukrainischen Regierung hat geholfen, dass die immens wichtige Stadt am Dnjepr, die innerhalb der Ukraine im Gegensatz zu Donezk Nettozahler ist, bis jetzt den russischen Lockrufen widerstanden hat: Kiew übertrug den Gouverneursposten in "Dnipro" dem Oligarchen Ihor Kolomojski. Der, drittreichster Mann der Ukraine, gilt als harter Administrator. Um sich die Loyalität der lokalen Polizei zu sichern, stockte er die mageren Saläre der Sicherheitsbeamten auf beinahe westliches Niveau auf und finanzierte die Versorgung der lokalen Einheiten. Für jeden gefangenen prorussischen Separatisten zahlt Kolomojski ein Kopfgeld von 10.000 US-Dollar.

Die Maßnahmen hatten bis jetzt Erfolg. Dass bei der Verteidigung des ihm anvertrauten Gebiets auch Kämpfer des rechtsextremen, antisemitischen "Rechten Sektors", der sein Hauptquartier von Kiew nach Dnipropetrowsk verlegt hat, prominent vertreten sind, scheint Kolomojski, der selbst jüdischer Abstammung ist, nicht zu stören. Sein Feind sitzt im Kreml. Der russische Präsident Wladimir Putin bezeichnete Kolomojski als "Betrüger" und "Schurken". Bei den prorussischen Kräften in Donezk und Luhansk gilt der 51-Jährige als Feindbild Nummer eins.

Dennoch eifert ein Mann in Donezk, der sich lange im Hintergrund gehalten hat, Kolomojski offenbar nach: Rinat Achmetow, der reichste Mann der Ukraine. Er bezahlte in den letzten Tagen Stahlarbeiter dafür, dass sie gegen die Separatisten vorgehen. In Mariupol am Asowschen Meer war es auf diese Weise gelungen, nach den tödlichen Zwischenfällen am 9. Mai die öffentliche Ordnung wiederherzustellen. Achmetow ist mit seinen Firmen zwar eng mit Russland verzahnt. Der Besitzer des Fußballklubs "Schachtjor Donezk" fürchtet aber auch die Konkurrenz russischer Oligarchen.