Kiew/Moskau/Washington. Der Maidan in der ukrainischen Hauptstadt Kiew ist zu einem lebenden Freilicht-Revolutionsmuseum geworden. Revolutionskiebitze aus dem ganzen Land schlendern über den Platz und sie wissen: Die Ukraine ist nach der Maidan-Revolution ein anderes Land.

Und die Unsicherheit der vergangenen Wochen weicht ein wenig zurück. Denn eine zweite Krim wird es nicht geben - das ist knapp vor den ukrainischen Präsidentschaftswahlen am Sonntag klar. Die Stimmung scheint sich gegen die Separatisten gedreht zu haben, die im Osten des Landes Unabhängigkeit von Kiew und den Anschluss an Russland fordern. Immer öfter schlägt den bewaffneten Freischärlern in Slawjansk und in Mariupol, Donetsk und Luhansk eine offen feindselige Stimmung entgegen. Die Menschen wollen endlich Ruhe, Sicherheit, ein Ende der zermürbenden Feuergefechte zwischen Armee und Rebellen. Eine Art Kriegsmüdigkeit macht sich breit. Die Regierung in Kiew, die zuletzt die Kontrolle im Osten verloren hat, gewinnt wieder Sympathien, während die Vorbereitungen für die Präsidentschaftswahl auf Volldampf laufen.

Auch Russlands Präsident Wladimir Putin, so scheint es, steht nicht mehr ganz hinter den ukrainischen Separatisten. Zuerst plädierte er für eine Verschiebung des umstrittenen Unabhängigkeitsreferendums, mit dem die Abtrünnigen die Sache ein für alle Mal klären wollten. Jetzt sehen sich die prorussischen Kräfte massiven Manipulationsvorwürfen ausgesetzt: Die Wahlen waren chaotisch organisiert, nicht frei und es ist unklar, wie viele Prozent der Wahlberechtigten überhaupt daran teilnahmen.

Zuletzt hat Putin angekündigt, die rund 40.000 Mann starken Truppen, die wenige hundert Meter von der ukrainischen Grenze angeblich Manöver abhalten, abziehen zu wollen. Immer öfter ist von einer Lösung auf dem Verhandlungstisch die Rede - auch wenn es dabei noch so gut wie keine Fortschritte gibt. Putin verlangt eine Verfassungsreform in der Ukraine - in Kiew will man sich in dieser Frage nicht dreinreden lassen. Und Außenminister Sergej Lawrow verlangt, dass die Separatisten von Kiew als Verhandlungspartner anerkannt werden.

Wesentlichen Anteil an den geänderten Verhältnissen hat die Entscheidung Rinat Achmetows, sich ohne Vorbehalte für eine geeinte Ukraine auszusprechen. Der reichste Mann des Landes hat sich zunächst mit einer eindeutigen Positionierung zurückgehalten, dann aber schnell auf den Stimmungsumschwung im Volk reagiert. "Die Menschen sind es leid, in Angst zu leben", so der Oligarch, "in den Städten herrschen Banditen und Marodeure. Mit Maschinenpistolen durch die Städte des Donbass zu laufen - sollen so die Rechte der Donezker vor der Zentralregierung gewahrt werden?", fragt Achmetow. Die Stahlarbeiter, die in seinen Fabriken arbeiten, treten mit Besen bewaffnet als Saubermänner in Erscheinung, zeigen, dass Achmetow Recht und Ordnung garantieren will. Tausende Männer mit Bauhelmen auf den Köpfen wollen auf Geheiß des Oligarchen tätig werden und nehmen strategische Orte in Besitz. Achmetows Parteinahme für die Regierung in Kiew könnte eine Trendwende in dem Konflikt bewirken.