Jurko Prochasko in einem Café in Lviv (Lemberg). - © Fabian Weiss/Der Spiegel
Jurko Prochasko in einem Café in Lviv (Lemberg). - © Fabian Weiss/Der Spiegel

"Wiener Zeitung": Als Sie unlängst in Kiew auf einem Podium saßen und gefragt wurden, was Sie denn nun zu den Vorgängen in der Ukraine zu sagen hätten, meinten Sie bloß: "Ich bin verwirrt."

Jurko Prochasko: Das war bei der Konferenz "Ukraine: Thinking together", die der Historiker Tim Snyder und andere - darunter das gemeinnützige Institut für die Wissenschaften vom Menschen in Wien - mitunterstützt haben. Meine Verwirrung und Orientierungslosigkeit ist nicht total - bei Gott nicht. Ich sehe die historischen Entwicklungen sogar sehr klar. Was am Maidan passiert ist, ist in gewisser Hinsicht die Fortsetzung der langen Linie von Revolutionen seit 1848. Es ist auch die Fortsetzung der ukrainischen Revolution, die man im Westen sehr wenig kennt - zumindest nicht unter diesem Namen -, von 1917 bis 1920; 1921 gab es den Versuch, einen Staat zu etablieren, doch die Bolschewiken waren siegreich, und die Zukunft der Ukraine sollte vorerst in der Sowjetunion liegen. In dieser Maidan-Revolution geht es aber auch um einige Motive der Perestroika, die in den 1980ern und 1990ern nicht genau ausgehandelt wurden - der Zerfall der Sowjetunion kam dem zuvor. Es ist mir auch ebenso klar, dass das, was am Maidan stattgefunden hat, eine antisowjetische, postsowjetische Revolution war und eine Folgerevolution der "Orangen Revolution" von 2004.

Und die Verwirrung?

Wir sagen "Revolution" und glauben, wir würden verstehen, was das ist. Aber dem ist nicht so. Was wir da vereinfachend mit einem Begriff wie etwa "Maidan" oder "Revolution" bezeichnen, ist etwas sehr Komplexes. Was mich an einer Revolution besonders interessiert, sind die Zerfalls- oder Verfallserscheinungen eines Systems. Für eine Revolution muss man sehr stark mobilisieren. Und um die Bürger zu mobilisieren, muss man die Revolution stark idealisieren. Idealisierung bedeutet aber Übertreibung, Romantisierung, Vereinfachung. Aber was kommt danach, wenn diese Idealisierung nicht mehr nötig ist? Um eine Revolution auszulösen, braucht es das Gefühl der völligen Überzeugung, das Gefühl von Gewissheit. Wenn die Revolution vorbei ist - zumal wenn sie durch Annexion oder Intervention oder Konterrevolution erschwert wird oder keine unmittelbaren Früchte bringt -, dann zeigen sich wieder Zerfallserscheinungen, dann fragt man sich: Wo ist dieses schöne Gefühl der Gewissheit, der Klarheit plötzlich hin?

Ist nicht ein Dilemma der Intellektuellen bei Revolutionen, dass sie Gewissheiten misstrauen sollen?

Das ist für mich kein Dilemma. Es gibt Zeiten, da weiß man, man muss die Dinge analysieren und intellektualisieren. Es gibt andere Zeiten, da bringt das nichts. Was ich für gefährlich halte, sind die Versuche, die Idealisierung der Revolution zu perpetuieren und sich der Analyse zu verweigern.

Was sagen ukrainische Intellektuelle dazu, wenn in Frage gestellt wird, ob die Ukraine eine wirkliche Nation ist?

Für mich ist die Ukraine zweifelsohne eine Nation. Sie braucht sich auch nicht auszuweisen, sie braucht nichts zu beweisen. Dass es eine ukrainische Nation gibt, das bedarf für mich keiner weiteren Bestätigung. Wenn wir schon dabei sind: Die Ukraine ist eine sehr moderne, pluralistische Nation. Die konterrevolutionäre Taktik von Russlands Präsident Wladimir Putin ist doch folgende: Er stellt dieser pluralistischen Ukraine sein Modell eines Staates entgegen. Mit der Gleichsetzung von Nation und Ethnie, von Sprache und Blut, von Blut und Stamm. Er will unsere pluralistische Revolution unterminieren, indem er uns einzubläuen versucht, dass die Ukrainer nur diejenigen sind, die Ukrainisch sprechen. Und Putin meint, dass die Ukrainer jene Leute sind, die diese schöne, fantastische Einheit der russischen Welt zerstört haben und die Faschisten und Nationalisten sind. Plus: Alle, wirklich alle, die Russisch sprechen, sind automatisch Russen, die mit dem ukrainischen Staat und der ukrainischen Nation nichts zu tun haben dürfen. Der größte Erfolg unserer pluralistischen Revolution - außer dem Sturz Wiktor Janukowitschs - war, dass wir nicht in diesen Nationalismus gekippt sind.

Dennoch: Die Menschen im Osten des Landes fühlen sich von der Regierung in Kiew vernachlässigt.

Das Besondere an der Ukraine war, dass diese Ambivalenzen bestanden haben. Über das Wesen der Identität im Osten und Südosten des Landes gab es keine endgültigen Antworten. Die Identität der Menschen dort war eine offene, eine freie, eine flexible und auch multiple Identität. Und auch jetzt soll niemand sich für eine - und nur eine - Identität entscheiden müssen. Die Spannungen, die jetzt zu spüren sind, ergeben sich aus der Propaganda, aus der Manipulation oder durch andere Umstände. Das Resultat ist jedenfalls, dass die Menschen in bestimmten Landesteilen sich von jenen Teilen der Bevölkerung, die die Maidan-Revolution mitgetragen haben, bedroht fühlen, weil sie glauben, dass man ihnen eine endgültige Identität aufzwingen will. Aber das ist ein Irrglaube. Ich denke, es ist die Aufgabe der neuen ukrainischen Regierung, diesen Bürgern die Angst zu nehmen, man wolle ihnen eine endgültige Identität aufzwingen.