Kiew. "Wir fahren, fahren, fahren, in weit entfernte Ecken", singt eine junge Mutter leise vor sich hin, als sie den Zug in Kiew besteigt. Ihr kleines Kind muss sie lange am Arm ziehen, damit es den weiten Sprung vom Bahnsteig zum gelb-blau bemalten Zug schafft. "Wir leben gar so lustig, ein Liedchen singen wir. Das Liedchen handelt davon, wie unser Leben ist so hier", singt die Frau weiter. Ein Mann mit Glatze, breitem Genick und in dunklem T-Shirt, das über dem großen Bauch spannt und etwas Haut über dem Bund der Jogginghose freigibt, reicht ihr ihren kleinen Koffer. Der Mann zwinkert der Schaffnerin des Waggons Nummer sieben, die wie alle ihre Kollegen in blauer Uniform samt Kappe stramm vor dem Einstieg in ihren Waggon steht und Tickets und Ausweise der Reisenden überprüft, kurz zu und entschwindet hinter der jungen Frau in den engen Gang zu den Kabinen.

Die Menschen in der Ukraine, seien sie auf Seite der Führung in Kiew oder gegen diese, divergieren weit weniger in ihren Wünschen, als ihnen bewusst ist. Die Richtung - hin zu einem menschenwürdigen Leben - ist die gleiche. - © Eschbacher
Die Menschen in der Ukraine, seien sie auf Seite der Führung in Kiew oder gegen diese, divergieren weit weniger in ihren Wünschen, als ihnen bewusst ist. Die Richtung - hin zu einem menschenwürdigen Leben - ist die gleiche. - © Eschbacher

"Tra-ta-ta, Tra-ta-ta, unser Kater der ist auch schon da", stimmt der Bub nun mit der Mutter ein. Der glatzköpfige Mann reißt schwungvoll eine der zehn Kabinentüren auf und macht eine einladende Geste. "Bitte sehr, wie ich es versprochen hatte, ein Vierer-Coupé für sie alleine", sagt er und öffnet die linke Sitzbank, um sogleich, leicht schnaubend vor Anstrengung, den Koffer der Dame zu verstauen. "Wünschen Sie Tee? Mit Zitrone?", fragt er und eilt geschwind den Gang zurück in die Kabine des Zugbegleiters, da die Dame die Frage bejaht hat. Am Weg rempelt er unfreundlich einen Mittvierziger an, der gerade darauf wartet, seine Kabine zu betreten. Anstatt sich zu entschuldigen, wirft er ihm einen erbosten Blick zu. Immerhin - der Angerempelte hatte kurz zuvor sein Angebot abgelehnt. Das mag ihm, dem Zugvorsteher, den man in seiner legeren Kleidung nicht auf den ersten Blick als solchen erkennt, nicht recht in den Kopf gehen. Er bietet doch Fahrkarten für seinen Zug um 100 Griwen statt 150 an. Damit helfe er doch den Menschen. Doch der andere Mann war stur geblieben am Ticketschalter, er bestand darauf, eines offiziell zu kaufen, mit Quittung. Offiziell! Der war doch bestimmt den ganzen Winter am Maidan, grummelt er der Schaffnerin zu, die ihm ein Teeglas reicht, in das er heißes Wasser aus dem Samowar füllt. "Will wohl jetzt plötzlich ganz europäisch leben", spottet er und verzieht das Gesicht, als er die Zitrone auf einem kleinen Holzbrett in Teile schneidet.

Nur manche müssen erst ihre Altlasten loswerden. Sie haben ihren Sowjetkörper nur in die Ecke gestellt und gehofft, dass er von selbst verrottet. Das tat er aber nicht. - © Eschbacher
Nur manche müssen erst ihre Altlasten loswerden. Sie haben ihren Sowjetkörper nur in die Ecke gestellt und gehofft, dass er von selbst verrottet. Das tat er aber nicht. - © Eschbacher

Ungewöhnlich still ist es geworden, in den Zügen der Ukraine. Hätte früher noch fast jeder Fahrgast eingestimmt in das von der jungen Mutter gesungene und allen aus der Sowjetzeit bekannte fröhliche Kinderlied, der Klassiker für Reisen, so ist man heute im Umgang mit unbekannten Mitreisenden viel zurückhaltender. Die Ukrainer sind nachdenklich geworden. Viele zerbrechen sich den Kopf darüber, wer sie sind, was sie trennt und was sie eint.

Sie beschäftigen sich mit der Frage der Schuld, wer die Büchse der Pandora geöffnet hat, die das Chaos über das Land hereinbrechen ließ. Wie es sein konnte, dass der Bruder Russland ihnen "ein Messer in den Rücken rammte", wie oft gesagt wird, ausgerechnet er, dem man am nächsten steht. Am meisten aber beschäftigt sie die Frage, wie es kommen konnte, dass sich die Kluft zwischen denen, die in Selbstverantwortung und Freiheit ihre Zukunft sehen, und denen, die in alter Gewohnheit die Verantwortung bei einem strengen, starken Machthaber besser aufgehoben sehen, so groß werden konnte.

Die Ukraine ähnelt heute in vielem ihrer Eisenbahn. Während die einen in den neuen Hyundai-Zügen vorpreschen wollen, gehen es die anderen lieber gemächlich an und setzen auf die leicht maroden, langsameren, aber altbekannten und mit weichen Teppichen ausgelegten Waggons. - © Eschbacher
Die Ukraine ähnelt heute in vielem ihrer Eisenbahn. Während die einen in den neuen Hyundai-Zügen vorpreschen wollen, gehen es die anderen lieber gemächlich an und setzen auf die leicht maroden, langsameren, aber altbekannten und mit weichen Teppichen ausgelegten Waggons. - © Eschbacher

"Sind noch Begleitpersonen hier? Bitte alle Begleitpersonen hinaus!", ruft der Zugführer durch den Waggon, als er den heißen Tee an dem Menschen vorbei jongliert. "Bitte sehr, extra für Sie, mit einem schönen Stück Zitrone genau aus der Mitte!", sagt er und stellt der Mutter, die ihrem Kind bereits die Malstifte ausgepackt hat, das Glas hin. Aus den Kabinen nebenan sind Verabschiedungen zu hören. "Tu mir einen Gefallen, Großmutter, und sprich nicht über Politik!", erklärt eine junge Enkelin einer Frau, bevor sie rasch hinaushuscht und noch vor dem Fenster so lange winkt, bis der Zug losfährt.

 Gestoppt werden aber beide durch Gefechte zwischen der Armee und Aufständischen. Blockierte Gleise kann niemand ignorieren. - © Eschbacher
 Gestoppt werden aber beide durch Gefechte zwischen der Armee und Aufständischen. Blockierte Gleise kann niemand ignorieren. - © Eschbacher

"Darf ich mich einen Moment zu Ihnen setzen?", fragt der Zugführer, als der Waggon Nummer sieben bereits die Brücke über den Dnjepr passiert und der Blick frei wird auf das grüne, hügelige Kiew und die goldenen Kuppeln der zahlreichen Kirchen am Ufer. Die junge Mutter zögert kurz, ihr waren kleine Tätowierungen auf Unterarmen und Handrücken des Zugführers aufgefallen, die man von Menschen kennt, die in Straflagern waren. "Eine dumme Jugendsünde", sagt dieser und verzieht verlegen den Mund. "Hat mich sogar nach Sibirien gebracht", fügt er hinzu. Das alles liege aber bereits sehr, sehr lange zurück. Bei der Eisenbahn sei er nun schon zwanzig Jahre.

"Ein wenig kann ich sie ja schon verstehen", sagt er, kaum hat er sich an den äußersten Rand der beiden gegenüberliegenden, Bänke gesetzt. "Wen?", erkundigt sich die Frau. "Na die Maidaner", erwidert er. Auch er habe den von den Revolutionären verjagten Präsidenten Wiktor Janukowitsch und sein Gefolge nicht ausstehen können. "Nehmen Sie die Eisenbahn. In den vier Jahren an der Macht hat er geschafft, alles zu zerstören", sagt er. Einerseits, weil Janukowitsch alleine aus der Heimatstadt des Zugführers, Charkiw, fünf Verbindungen, darunter dessen Lieblingsroute in Russlands wichtigster Hafenstadt am Pazifik, Wladiwostok, eingestampft habe. Aber viel mehr ärgere ihn, dass unter Janukowitsch ein System eingeführt wurde, das die Zugvorsteher verpflichtet hatte, die Routen zu wechseln.