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Frauen erledigen immer noch den Großteil der unbezahlten Pflege- und Hausarbeit, sie verdienen weniger und sind stärker armutsgefährdet als Männer - das sind mittlerweile Allgemeinplätze. Die renommierte Volkswirtschafterin Janneke Plantenga hält die Teilzeitfalle allerdings für eine vergleichsweise kleine Falle und plädiert dafür, dass wir alle weniger arbeiten sollten. Zentral sei eine leistbare, hochwertige Kleinkindbetreuung, die es Müttern ermöglicht, gleichberechtigt am Arbeitsmarkt teilzunehmen. Besonders in Österreich lasse die Betreuung zu wünschen übrig.

"Wiener Zeitung": Kann man die Gleichstellung von Frauen und Männern überhaupt messen? Sie kritisieren, dass eben nicht nur die Höhe des Einkommens eine Rolle spielt, sondern auch andere Faktoren wie Wahlfreiheit oder Zufriedenheit.

Janneke Plantenga: Das ist ein schwieriges Thema, über das sehr viel geschrieben wurde. Normen spielen bei der Gleichstellungs-Debatte eine große Rolle. In großen Teilen der Literatur schwingt implizit die Forderung mit, dass Frauen gleichberechtigt sein sollen mit Männern. Also werden Teilhabe am Arbeitsmarkt, Höhe der Gehälter oder die Anzahl von Frauen oder Männern in Spitzenpositionen verglichen. Das ist die einfachste Weise, Gleichstellung zu messen, aber vielleicht nicht die beste. Denn sie impliziert, dass Frauen das gleiche Leben führen wie Männer. Echte Gleichstellung sollte bedeuten, dass alle beteiligt sind: an Lohnarbeit, aber auch an Betreuungsarbeit, politischem Aktivismus, Ehrenamt und so weiter. Hier sollte kein Unterschied bestehen zwischen Frauen und Männern. Im Grunde sollten Frauen nicht sein wie Männer, sondern die typischen Frauenarbeiten sollten auch von Männern verrichtet werden.

In Österreich ist die Lohndiskriminierung von Frauen im europaweiten Vergleich mit am höchsten. Haben Sie eine Erklärung dafür?

Es kann daran liegen, dass mehr Mütter aus dem Arbeitsmarkt aussteigen. Daran, dass die Karrieren von Frauen und Männern sich immer noch sehr unterscheiden. Und sehr wahrscheinlich hat es auch mit diskriminierender Behandlung durch die Arbeitgeber zu tun. In Österreich gibt es außerdem eine relativ lange Karenz und vergleichsweise wenig Investition in Kinderbetreuung.

Warum ist eine lange Karenz problematisch?

Karenz trägt zur Gleichstellung bei - wenn sie nicht zu lang dauert. Sechs Monate sind mehr oder weniger das Optimum. Natürlich gilt das nur aus Sicht des Arbeitsmarktes. Wenn man an das Wohl des Kindes denkt, müsste die Pause etwas länger sein. Aber Pausen von drei Jahren sind absolut verheerend für die Karriere, vor allem wenn eine Frau mehrere Kinder hat.

Der einflussreiche Ungleichheitsforscher Tony Atkinson sagte bei einer Diskussion, an der Sie auch teilnahmen, es sei ein absolut berechtigter Wunsch, wenn sich Frauen um ihre Kinder kümmern möchten. Wie sähe Ihre ideale Lösung aus?

Ich sage ja nicht, dass Säuglinge schon fünf Tage die Woche außer Haus betreut werden sollten. Wünschenswert wäre eine Regelung, in der das Kind im ersten Jahr von den Eltern betreut wird - und zwar wenn möglich von Vater und Mutter zu je sechs Monaten - und dann zumindest halbtags in Betreuungseinrichtungen. Es gibt Studien, die zeigen, dass vor allem Kinder von benachteiligten Familien hier extrem profitieren.

Wenn die Kinderbetreuung von guter Qualität ist.

Auf jeden Fall. Kinderbetreuung muss für alle leistbar und von sehr hoher Qualität sein. Wenn sie das nicht ist, hat es auf die Kinder nachteilige Effekte, das zeigen Studien.

Anti-Diskriminierungspolitik, Equal Pay Day, Unisex-Tarife für Versicherungen und neue Richtlinien für die Kinderbetreuung - bietet die EU eine Chance für die nationale Gleichstellungspolitik?

Die EU war extrem förderlich dabei, erstens Licht auf das Thema zu werfen und zweitens, es auch auf die nationalen Agenden zu bringen. In den Niederlanden ständen wir ohne die EU nicht da, wo wir heute sind.

Sie fordern eine 32-Stunden-Woche für beide Eltern.

Ich kritisiere Studien, die sich nur auf den Vergleich von Stundenlöhnen von Männern und Frauen konzentrieren. Wir müssen die 60-Stunden-Wochen generell loswerden. Es kann nicht sein, dass eine Karriere nur unter solchen Bedingungen möglich ist. Wir müssen auch endlich verstehen, dass die häusliche Betreuung von Kindern und alten Menschen wichtige Bestandteile einer inklusiven, sozialen Gesellschaft sind. Wenn wir bezahlte Arbeit dermaßen betonen, wird unbezahlte Arbeit total verdrängt.

Warum tun wir uns so schwer, unbezahlte Arbeit zu würdigen?

Vielleicht ist ein Weg, alternative, inklusivere Maßstäbe für Wohlstand anzuwenden. Wir müssen Freizeit, Ehrenamt und unbezahlte Arbeit viel mehr wertschätzen. All diese Arten, in denen Menschen in Beziehung zueinanderstehen, bringen eine Gesellschaft überhaupt erst zum Funktionieren. Die Idee, dass man nur eine anständige Karriere macht, wenn man 60 Stunden pro Woche arbeitet, bedeutet, dass Frauen ganz einfach keine Chance haben. Und auch wenn sie keine Kinder haben, kümmern sich viele Frauen irgendwann um ihre Eltern oder einen Partner. Solange Frauen allein für die unbezahlte Arbeit zuständig sind, werden sie den Kürzeren ziehen.