Kiew/Moskau. Vor der Gewalt in der Ostukraine sind nach UN-Angaben heuer rund 110.000 Menschen ins Nachbarland Russland geflohen. Darüber hinaus seien innerhalb der Ukraine 54.000 Menschen auf der Flucht, teilte das UN-Flüchtlingshilfswerk (UNHCR) am Freitag mit. Allein in der vergangenen Woche hätten 16.400 Ukrainer ihre Wohnorte verlassen. Viele Menschen hätten als Gründe die anhaltende Gewalt und Angst vor Verschleppung angegeben. "Wir verzeichnen einen starken Anstieg der Vertreibung innerhalb der Ukraine", sagte eine UNHCR-Sprecherin.

Indes hat der ukrainische Präsident Petro Poroschenko beim EU-Gipfel zunächst offengelassen, ob er die Freitagnacht ablaufende Waffenruhe in seinem Land verlängern wolle. "Ich werde darüber nach meiner Rückkehr (nach Kiew) entscheiden", sagte der Staatschef am Freitag in Brüssel. EU-Diplomaten erwarteten eine Verlängerung.

Kurz davor hatte der russische Präsident Wladimir Putin ein "dauerhaftes Regime der Feuerpause" als eine wichtige Bedingung für Verhandlungen zwischen den Machthabern in Kiew und den Vertretern der südöstlichen Regionen genannt. Poroschenko sagte, er sei auch zu Verhandlungen mit Putin bereit - trotz des schweren Streits über die Schwarzmeerhalbinsel Krim und Moskaus Unterstützung für die Separatisten. "Manchmal ist die Position von Herrn Putin völlig pragmatisch, manchmal ist sie sehr emotional. Ich versuche einen Moment zu finden, in dem er pragmatischer und weniger emotional ist", sagte Poroschenko.

Die Separatisten hatten in der Nacht auf Freitag ein Team der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) nach mehr als einem Monat in Gefangenschaft freigelassen. Gemäß Angaben des Separatistenführers Alexander Borodaj wurden für die Freilassung keine Bedingungen gestellt. Der Schweizer Bundespräsident und OSZE-Vorsitzende Didier Burkhalter forderte indes Aufklärung über ein verschlepptes zweites Team. Die Gruppe könnte "bald" freikommen, hieß es dazu aus den Reihen der Aufständischen in der Ex-Sowjetrepublik.

EU behält sich Sanktionen vor

Der EU-Gipfel forderte am Freitag von Russland und den Separatisten in der Ukraine bis Montag konkrete Schritte zur Deeskalation der Krise. Die Staats- und Regierungschefs behielten sich in Hinblick auf Sanktionen vor, "für jegliche weitere bedeutende restriktive Maßnahmen wieder zusammenzukommen". Der Rat werde die Lage bewerten.

Der EU-Gipfel "erwartet, dass bis Montag, 30. Juni, die folgenden Schritte gemacht werden", heißt es in der Erklärung des Gipfels: eine Einigung über einen von der OSZE überwachten Überprüfungsmechanismus für den Waffenstillstand und für eine wirksame Grenzkontrolle, eine Rückkehr der ukrainischen Stellen zu den drei Grenzposten Izvarino, Dolzhanskiy und Krasnopartizansk, die Freilassung von OSZE-Beobachtern sowie den Start von "substanziellen" Verhandlungen über Präsident Poroschenkos Friedensplan.