Klingenbach/Sopron. Blaue Sirenen leuchten auf den Dächern der Limousinen, ungarische Polizeiautos stimmen in das Lichtkonzert ein. Der Verkehr steht still, während der Konvoi durch die pannonische Tiefebene gleitet. Die Insassen im Bus, Schüler und Twens, sind begeistert, einige machen Schnappschüsse mit der Handykamera. Sie fühlen sich wichtig, als Teil eines Ereignisses. Denn am Freitagvormittag trifft sich politische Prominenz gleich hinter dem österreichisch-ungarischen Grenzübergang Klingenbach: Außenminister Sebastian Kurz, sein slowakischer Amtskollege Miroslav Lajčák und Ungarns stellvertretender Außen- und Handelsminister Péter Szijjártó. "Im Gebpäck" befinden sich rund 100 Jugendliche und junge Erwachsene aus den drei Nachbarstaaten. Anlass ist die Durchtrennung des "Eisernen Vorhanges" vor exakt 25 Jahren durch die beiden damaligen Außenminister von Österreich und Ungarn, Alois Mock und Gyula Horn, an jener Stelle.

Das Schwarz-Weiß-Bild vom 27. Juni 1989 ist Teil des zumindest ostösterreichischen kollektiven Gedächtnisses: Mock und Horn lächeln, Drahtscheren in der Hand. Noch steht der Zaun. "Wir sind Zeugen eines historischen Ereignisses", sagte Ungarns Außenminister Horn damals. "Wir haben die jahrzehntelange Trennung beider Völker beendet, die Freundschaft verhindert hat." Doch das Bild ist eine Inszenierung. Bereits Anfang Mai 1989 wurden die Grenzanlagen abgebaut. "Wir mussten den Eisernen Vorhang aufbauen und direkt danach wieder abbauen", erinnert sich Miklós Németh, damals ungarischer Ministerpräsident, in einem "ARD"-Interview. 200 Meter schmerzhafte Geschichte wurde nochmals reaktiviert, um der Weltöffentlichkeit die passenden Bilder zum politischen Umbruch zu liefern.

"Freiheiten genießen, erhalten und helfen zu erhalten"


Heute erinnert daran ein unspektakulärer Gedenkstein, er liegt an der Kreuzung von zwei Waldwegen. "Man merkt nicht, dass hier Geschichte geschrieben worden ist", sagt Muamer Becirovic. Der 18-Jährige besucht das Islamische Realgymnasium im 15. Wiener Gemeindebezirk und ist einer jener rund 30 österreichischen Jugendlichen vor Ort. Dennoch stimmt ihn die Kulisse nachdenklich: "Die Jugend schätzt heute zu wenig, was es bedeutet hätte, hinter solch einem Zaun zu leben."

Für jene nicht ganz so Geschichtsbewussten ruft der slowakische Außenminister Miroslav Lajčák in Erinnerung: "Ich habe heute drei Botschaften an Euch: Erstens, genießt Eure Freiheiten, reist, arbeitet in Europa. Zweitens, erhaltet diese Freiheiten. Blickt Richtung Ukraine, wie schnell sich Dinge ändern können. Und drittens, helft anderen, diese Freiheiten zu erhalten." Kurz sagt: "Der Fall des Eisernen Vorhangs war einer der bedeutendsten Meilensteine auf dem Weg in ein friedliches und vereintes Europa."