Slawjansk. "Eigentlich normal", sagt der ukrainische Soldat auf die Frage, wie denn die Armee in Slawjansk aufgenommen wurde. "Sie danken uns, also mehr oder weniger. Was bleibt ihnen denn auch anderes übrig." Vor wenigen Tagen war es nach monatelangen Kämpfen der ukrainischen Armee gelungen, das ostukrainische Slawjansk zu erobern. Die Stadt galt als Hochburg der Aufständischen, als der Ort, von dem aus der gesamte militärische Kampf der Rebellen der selbst ausgerufenen "Donezker Volksrepublik" gegen die neue Führung in Kiew koordiniert wurde. Slawjansk war wochenlang praktisch abgeriegelt, es gelang nur wenigen Journalisten - zumeist russischen -, dorthin vorzudringen. Erste Bilder aus den am schwersten umkämpften Bezirken haben apokalyptischen Charakter - durch Artilleriebeschuss halb eingestürzte Häuser, tiefe Krater in den Straßen durch Mörsergranaten, abgerissene Gasleitungen. Die Bewohner der Stadt versuchen nun, zur Normalität zurückzukehren.

Seit Wochen gibt es in der Stadt weder Wasser noch Elektrizität. Keine Telefonleitungen funktionierten, der Bahnhof war seit Anfang Mai, dem Beginn der "Anti-Terror-Operation" der Kiewer Regierung gegen die Aufständischen, gesperrt. Überall arbeiten nun Techniker an den Reparaturen. Die Checkpoints der Rebellen sind verlassen. Mit den ukrainischen Soldaten kommt nun humanitäre Hilfe. In den bis vor kurzen noch von den Aufständischen besetzten öffentlichen Gebäuden werden Brot und Wasser verteilt, davor stehen Lastwagen voll mit Kartoffeln und Kraut. Erstmals seit langem können die Bewohner sich in der Stadt wieder frei bewegen.

Und erstmals seit langem können in der Stadt, die den Rebellen viel Unterstützung zuteil werden ließ, wieder Pro-Kiew-Gesinnungen offen ausgedrückt werden. "Als die Banditen hier waren, waren sie alle Helden!", ruft eine Frau aufgeregt auf dem Hauptplatz der Stadt und zeigt auf die Menschen, die sich in langen Schlangen um Hilfsgüter angestellt haben. "Und jetzt schweigen sie! Dabei sind die Hälfte von ihnen selbst Terroristen und Separatisten, oder unterstützen sie nach wie vor!", erklärt die Frau einem Fernsehjournalisten aufgebracht.

In sozialen Medien kursieren mittlerweile Bilder von Urnen, die in der Stadt aufgestellt worden sein sollen, über die "anonym" Angaben über Unterstützer der Aufständischen gemacht werden können. Ganz traut die Armee den Menschen vor Ort offenbar noch nicht. Viele Militärs laufen nach wie vor in schweren Schutzwesten und mit dem Finger am Abzug durch die Stadt.