Edinburgh. An der Hauptstraße von Inverness hat sich, nicht weit vom Caledonian Hotel, ein Dudelsackbläser aufgebaut, an diesem feuchten Augusttag im hohen britischen Norden. Von "Scotland The Brave", dem wackeren Schottland, weiß er eine mächtige Weise zu dudeln. Touristen und Einheimische bleiben stehen, um dem Mann im blaugrünen Kilt zuzuhören. Eine wachsende Versammlung bunter Schirme zieht die feierliche Kundgebung in ihren Bann. Beifall kommt auf, ein paar Münzen klingeln.

Weiter die Straße hinauf versucht es ein Bänkelsänger mit derselben Botschaft, aber anderen Tönen. Wie viele Jahre noch vergehen müssten, bis "manchen Leuten" endlich Freiheit zuteil werde, will ein aus Glasgow angerückter Dylan-Jünger mit dunklen Wuschelhaaren unter der Strickmütze von seinen Zuhörern wissen. Die Antwort weiß bekanntlich - auch in Inverness - ganz allein der Wind. Ein schmunzelndes Verständnis ist in den Gesichtern des Publikums beider Darbietungen zu lesen. Jeder weiß, dieser Tage in Schottland, wovon bei solchen Auftritten die Rede ist. Wieder einmal sind die Schotten an einem "Schicksals-Datum" angekommen.

In wenigen Wochen, am 18. September, stimmt Schottland darüber ab, ob es den über 300-jährigen Bund mit England auflösen und sich als eigener Staat konstituieren soll. Das ist, im Blick der schottischen Nationalisten, der Griff nach einer lang verwehrten Freiheit. Im Urteil anderer ist es eine fatale, eine katastrophale Idee. Die Unionisten, die Verteidiger der Union mit England, Wales, Nordirland und dem Rest der Britischen Inseln, sehen absolut keinen Grund für eine Aufspaltung der alten Einheit. Für sie hat Schottland seinen festen Platz im Vereinigten Königreich.

Wie eng verzahnt die Teile Britanniens sind, zeigt ihrer Ansicht nach, schon rein äußerlich, die Ladenzeile, vor der die Straßenmusiker stehen. Auch Inverness kauft täglich tausendfach bei Tesco, dem britischen Lebensmittel-Riesen, ein. Ein paar spezifisch schottische Töne (wie die Tartan- und Tweed-Shops der Stadt) bereichern das Ganze natürlich. Im Eastgate-Einkaufszentrum, am Ende der High Street, sind keltische Muster in die Bodenfliesen eingelegt worden.

Vom Falkenplatz grüßt, auf seinem Sockel, ein stolzes Einhorn bahnreisende Ankömmlinge. Zweisprachigkeit gehört auch dazu. Integration ist, bei aller kulturellen Vielfalt, die Parole. Dagegen glauben Befürworter der Unabhängigkeit, dass Schottland sein Potenzial nur erfüllen kann, wenn es sich absetzt von England, vom übermächtigen Nachbarn im Süden.

Nach Westminster ist es weit

Willie Cameron ist einer, der davon überzeugt ist. Ein alter Fuchs im Tourismus-Bereich, gehört Cameron der Geschäftsführung des großen Hotel- und Gastwirtschafts-Konzerns Cobb an. "Nur dem Namen nach" gebe es doch ein Vereinigtes Königreich, meint der Geschäftsmann zur Lage in Schottland. "In Wirklichkeit ist die Regierung in Westminster viel zu weit weg von uns - sie versteht nicht, was für Probleme wir hier haben. Erst wenn wir volle Unabhängigkeit erlangen, können wir unsere eigenen Angelegenheiten regeln", erklärt Cameron seine Hoffnung auf Abnabelung vom Süden. Mitglieder des schottischen Parlaments seien empfänglicher für schottische Anliegen als Repräsentanten englischer Wahlkreise, denen Schottland oft fremd und gleichgültig sei.

"Wenn sich unser politisches Zentrum von London nach Edinburgh verlagert", sagt Cameron, "sitzen wir auch in Inverness ein bisschen näher dran." Im Übrigen seien die Schotten "ein unverwüstliches Völkchen" und gewiss nicht weniger einfallsreich als andere kleine Länder in Europa: "James Watt hat die Dampfmaschine erfunden, Dunlop den Reifen und Bell das Telefon. Wer sagt denn, dass wir nicht auf eigenen Beinen stehen können?"

Das, winken die Verteidiger des Status quo ab, sei ein gefährlicher, ein eitler Enthusiasmus. Schottland schade sich nur selbst, wenn es das Ende der Union einläute. Der Unterhaus-Abgeordnete für Inverness, Danny Alexander, warnt vor einer "unumkehrbaren Entscheidung", die sich die Leute hier im Herzen der Highlands sehr sorgfältig überlegen müssten: "Schottland ist einfach stärker, wohlhabender, erfolgreicher und einflussreicher als Teil des Vereinigten Königreichs."

Drunten am Fluss, am Nordende der federnden Greig-Street-Fußgänger-Brücke, hat Alexander sein winziges Wahlkreis-Büro für die Highlands eingerichtet. Wenn er durch die Tür nach draußen tritt, sieht der liberaldemokratische Politiker einen unbändig gewordenen River Ness schnell und mit bedrohlich hohem Wasserstand an sich vorübertreiben. Die Straße vorm Büro ist aufgerissen, weil zurzeit eine Ufermauer gegen Überschwemmungen errichtet wird. Die Baustelle glänzt im Regen. Genau wie diese eilends errichtete Mauer dem Fluss sucht Alexander mit allen Mitteln dem Druck des neuen Stroms nationalistischer Bestrebungen, der Forderung nach voller Selbstbestimmung zu widerstehen.

Unabhängigkeit birgt Gefahren