Glasgow. Nicht in den Nobelvierteln Edinburghs wird dieses Referendum zur schottischen Unabhängigkeit entschieden. Auch nicht in den idyllischen Weilern Shetlands oder der Western Isles. Die wirkliche Schlacht, die jetzt zur Entscheidung ansteht, wird in den Working-Class-Vierteln der einzigen Metropolis des Landes geschlagen. Falls Glasgow "Ja" sagt am Donnerstag, dürfte Schottland unabhängig werden. Falls es mit "Nein" stimmt, bleibt alles beim Alten und Schottland im Vereinigten Königreich.

Vielleicht steht so viel politisches Gewicht ja einer Stadt zu, die einmal "die zweite Stadt des Empire" genannt wurde. Mit 1,3 Millionen Bewohnern umfasst der Großraum um Glasgow ein Viertel der gesamten schottischen Bevölkerung. Hier, unter den Grundmauern einer der solidesten Labour-Hochburgen überhaupt auf den Britischen Inseln, hat es jedenfalls schon lange verdächtig gerumpelt. Viele Glaswegians glauben nicht mehr, dass ihnen "ihre" Partei via Unterhaus und Westminster noch aus Niedergang und sozialer Misere helfen kann. Schon in den letzten Jahren hat Labour hier - wie in ganz Schottland - Sympathien eingebüßt und Stimmen verloren. Gleichzeitig ist die Partei der Schottischen Nationalisten (SNP) auf eine Reihe früherer Labour-Positionen vorgerückt.

Während Labour "drunten" in London nach der Millenniumswende im Tory-Stil zu privatisieren begann, Studiengebühren erhob, Krieg gegen Irak führte, gemeinsam mit den Großbanken in die Kredit-Krise von 2008 schlitterte und später, geschlagen, in eine scharfe Beschneidung des Wohlfahrts-Netzes einwilligte, verschaffte sich SNP-Chef Alex Salmond mehr und mehr Popularität mit einer Art sozialem Kontrastprogramm.

Salmond hat unter anderem Gratis-Rezepte für Arzneien, zusätzliche Altersversorgung auf Staatskosten und gebührenfreies Studium für schottische Schulabgänger eingeführt. Er hat seinen Mitbürgern eine aus "schottischem Öl" und allerlei heimischem Unternehmungsgeist gespeiste neue Solidar-Gesellschaft versprochen - so Schottland dafür stimmt, selbständig zu werden.

Dieses Versprechen hat seine Wirkung getan. Umfragen zufolge wollen neben SNP-Fans, Grünen und rebellischen Parteilosen 30 Prozent aller Labour-Stammwähler am Donnerstag für Unabhängigkeit stimmen. Nur noch volle Selbstbestimmung, hört man immer wieder in Glasgow, könne den vergessenen Vierteln des britischen Nordens die Chance geben, sich aus dem "Würgegriff" konservativer Politik in London zu befreien.

Der Rubrik "konservative Politik" schlagen viele dabei auch den rechten Flügel der Labour Party, Englands "Tories mit roter Krawatte" zu, von denen sie sich im Stich gelassen fühlen. Die Original-Tories gelten seit der Thatcher-Ära eh nichts mehr in Schottland. Sie sind so verhasst, dass sie von 59 schottischen Unterhaus-Sitzen dieser Tage nur noch einen einzigen halten. Labour dagegen hält 41. Viele davon hier, am River Clyde.

Kein Wunder, dass alle Parteien in London nach der sensationellen Umfragen-Wende der Vorwoche in kollektiver Panik zum Schluss kamen, dass einzig und allein die Labour Party noch die Union vor dem Zerfall retten könne. Am Ende beorderte Parteichef Ed Miliband seine Parlamentarier en masse nach Glasgow, um Einheit mit Schottland zu demonstrieren und um den Unabhängigkeits-Aufstand niederzuschlagen. Aber die Delegation aus dem Süden wurde mit scharfem Spott empfangen.

Labour-"Klassenausflug"

Ein Witzbold begleitete den "Klassenausflug" der Labour-Leute mit seiner Rikscha und einem aufmontierten Lautsprecher von Glasgow Central zum Ort ihrer Kundgebung, vor der Royal Concert Hall. Laut schallte aus dem Lautsprecher der "Imperiale Marsch" aus "Star Wars", das bekannte Darth-Vader-Motiv. "Wir heißen euch willkommen, imperiale Herren!", rief der Mann auf der Rikscha immer wieder. "Seht doch, Leute - unsere imperialen Herren sind da!" Als auch Ed Miliband zuletzt in Glasgow auftauchte, um Liebesgrüße aus England zu überbringen, empfingen ihn Fußsoldaten der Gegenseite mit Pfiffen und einem Meer blau-weißer "Yes"-Schildchen. "Fahr doch wieder heim, fahr zurück nach Hampstead!" wurde dem Labour-Chef zugerufen.

Hampstead, wo die Milibands wohnen, ist einer begehrtesten Stadtteile Londons - grün, vornehm und schön gelegen auf den Hügeln über der Stadt. In der Tat verbindet nicht viel Hampstead mit dem East End Glasgows. Die endlosen Siedlungen Glasgows sind vor allem für Rekord-Arbeitslosigkeit, Kinderarmut, hohe Drogenrate, Alkoholismus und notorisch kurze Lebenserwartung ihrer Bewohner bekannt.

Lang ist es her, dass der auf Kolonialbesitz, Gewerbe und Industrie gegründete Wohlstand Glasgows für Vollbeschäftigung hier sorgte. Vom Niedergang seiner Häfen, von der De-Industrialisierung der Region im vorigen Jahrhundert hat sich Glasgow nie erholt. Auch gelegentliche Wiederbelebungsversuche, wie jüngst anlässlich der Commonwealth-Spiele, haben die Außenbezirke nur in sehr beschränktem Maße erreicht.