Die Nato behauptet demgegenüber seit Jahren, die Raketen richten sich gegen Bedrohungen aus "Schurkenstaaten" wie dem Iran.

Putin hat, als er in einem Interview damit konfrontiert wurde, hell aufgelacht. Jeder, der nur einen Funken intellektuelle Redlichkeit besitzt, kann nur hell auflachen, wenn an der Nordwestgrenze Russlands Raketen "gegen den Iran" aufgestellt werden. Dass man so argumentiert, zeigt aber auch die Dreistigkeit, die Machtdemonstration gegenüber Russland, die Rituale der Demütigung.

Warum sollen denn die USA, wie Sie sagen, Europa in seine Nachkriegsgeschichte zurückzwingen wollen?

Weil die Rückdämmung und Ent-Europäisierung Russlands, sein Zurückdrängen in den Status einer binnenasiatischen Regionalmacht zwar im Interesse einer fehlgeleiteten US-Politik sein mag, nicht aber in dem Europas liegen kann. Russland ist ein unverzichtbarer Bestandteil europäischer Kultur und Identität. Ohne Russland gibt es keine europäische Sicherheit, jedenfalls keine autonome, souveräne Sicherheit - nur eine unter der Vorherrschaft der USA. Amerika hatte die Wahl, die Emanzipation Europas, des größten und mächtigsten Wirtschaftsraums der Welt, zuzulassen, sein Recht auf souveräne Selbstbestimmung und politische Einheit hinzunehmen - oder das alte Feindbild Russland wieder zu aktivieren, das Europa wieder hinter den US-Schirm zwingt. Letzteres scheint vollständig gelungen. Die Art, wie heute mit und über Russland geredet wird, erinnert an Breschnews Zeiten. Die Feindbilder aus dem Kalten Krieg waren offensichtlich nur "Schläfer", die mit Propagandaposaunen mühelos aktiviert werden konnten. Auf der anderen Seite kuscht Europa gegenüber den USA, akzeptieren die nationalen Regierungen in Europa die Attacken durch die NSA, deren totalitäre Überwachung aller menschlichen Kommunikation, deren Zerstörung der Freiheitsrechte, die US-Wirtschaftsspionage, die bis ins kleinste Labor reicht. Das entspricht der von Brzezinski beschriebenen US-Strategie einer monopolaren Weltordnung mit einer einzigen Supermacht, die jede aufkommende Konkurrenz im Keim erstickt. Von einer Gegenwehr unserer europäischen Reichs- und Kurfürsten ist mir nichts bekannt. Nichts, keine Sanktionen, nicht einmal eine Beschwerde bei der UNO.

Warum verhält sich Europa derart passiv?

Zum einen hat man sich schon deren gewöhnt, als Vasall der USA bequem zu leben. Und zum anderen werden die Versuche, eine souveräne europäische Außenpolitik zu kreieren, von den Regierungen selbst hintertrieben. Statt einer gemeinsamen europäischen Außenpolitik kam es zu einer Renaissance der Achsen- und Bündnispolitik des 19. Jahrhunderts. Heute formuliert bereits ein "Weimarer Dreieck" aus Frankreich, Polen und Deutschland europäische Außenpolitik. Oder gar der Nato-Gipfel, obwohl die Nato mit der EU keineswegs identisch ist. Das ist ein fataler Weg in die Vergangenheit.

Trotz aller Kritik an den USA: Hat Russlands Präsident Wladimir Putin mit der Annexion der Krim nicht einen Tabubruch begangen?

Nun, die Krim kam erst 1954 zur Ukraine, als reiner Akt der Verschiebung von Provinzgrenzen innerhalb der UdSSR. Nach deren Zerfall 1991 bekundete die Krim-Bevölkerung in einem Referendum ihren Willen, nicht der Ukraine anzugehören. Kiew verknüpfte allerdings die Herausgabe der sowjetischen Atomwaffen, die auf ukrainischem Boden stationiert waren, damit, dass die Krim ukrainisch bleibt. Die Ukraine - die selbst durch ein Referendum entstanden ist, das von Moskau akzeptiert wurde - verbot in ihrer Verfassung sofort jegliche Unabhängigkeitsreferenden im eigenen Staat. Die territoriale Integrität der Ukraine wurde von Russland geachtet, es herrschte Frieden, auch auf der Krim - bis zum Zugriff des Westens. Zu Putin: Natürlich ist Kritik seiner Politik berechtigt. Ich war ja selbst Mitglied der Russland-Delegation des EU-Parlaments, wir haben uns in Moskau an konspirativen Orten mit Dissidenten und NGO-Vertretern getroffen. Mir muss niemand die unsägliche Innenpolitik des Herrn Putin erklären. Aber außen- und sicherheitspolitisch könnte kein russischer Präsident anders handeln, wenn er die Interessen seines Landes im Auge hat. Dass man im Westen das Feindbild Russland mitsamt allen auch irrationalen Ängsten erweckt, um die eigene Urheberschaft des Konflikts zu verdecken, ist eine tiefe Beschädigung der Friedensunion Europa.