Rom. Warum soll etwas, was in einer Kleinstadt mit 50.000 Einwohnern geklappt hat, nicht auch in einem Millionen-Moloch funktionieren? Das hat sich Nino Daniele gedacht, der ehemalige Bürgermeister von Ercolano bei Neapel.

Zwischen 2005 und 2009 bekämpfte der heute 61-Jährige erfolgreich die Schutzgelderpressung. Der sogenannte pizzo ist in Ercolano beinahe vollständig verschwunden. Inzwischen ist Daniele Kulturreferent der Stadt Neapel und versucht, sein Anti-Mafia-Modell zusammen mit Bürgermeister Luigi De Magistris auf die Hauptstadt Kampaniens zu übertragen. Eine der Maßnahmen: Wer eine Schutzgelderpressung anzeigt, der muss drei Jahre lang keine Kommunalabgaben, etwa für Müll oder Wohneigentum, zahlen. Die Regelung gilt, sobald ein Gericht die Erpresser in erster Instanz verurteilt hat.

Im vergangenen Jahr wurden in Neapel gerade einmal 508 Fälle von Schutzgelderpressungen angezeigt. Genau das ist das Problem. Die meisten Opfer sind von der Camorra eingeschüchtert und schrecken davor zurück, zur Polizei zu gehen.

"Deshalb ist dringend ein Signal notwendig", sagt Nino Daniele. Die Menschen sollten das Gefühl haben, nicht allein im Kampf gegen die Camorra zu sein. Die Initiative soll den Betroffenen in der "schwierigsten Phase" helfen, wenn sie sich für oder gegen eine Anzeige entscheiden. Als "revolutionär" bezeichnet Bürgermeister De Magistris die Norm, die nun Gesetz werden soll.

Bisher schien die Mafia in Kampanien leichtes Spiel zu haben. Schätzungen zu Folge setzt die Camorra mit dem pizzo eine Milliarde Euro um. Insgesamt sollen die Mafiaclans Neapels etwa 12 Milliarden Euro jährlich illegal erwirtschaften. Im Gegensatz zu Sizilien, wo die Bewegung Addiopizzo die Schutzgelderpressung der Cosa Nostra seit 2004 bekämpft, schien Kampanien lange immun gegen Zivilcourage. Mit Ausnahme von Ercolano, der Stadt, in der Nino Daniele Bürgermeister war. Er startete zahlreiche Initiativen. Unter anderem ließ er zusammen mit dem deutschen Konsulat einen Stadtplan für deutsche Touristen drucken. Die konnten darauf nicht nur die weltberühmte Ausgrabungsstätte von Herkulaneum finden, sondern auch eine Liste mit Geschäften und Bars, die sich gegen Schutzgelderpressung wehrten.