Kiew/Moskau. (wak) Anfang September war eine Waffenruhe im Osten der Ukraine vereinbart worden, doch gibt es weiterhin praktisch täglich Kämpfe zwischen den Regierungstruppen und prorussischen Separatisten. Inwieweit die neuesten Entwicklungen (siehe untenstehenden Artikel) dazu beitragen, die Lage zu entspannen, wird erst die Zukunft zeigen. Doch selbst wenn jetzt wieder Friede einkehrt, so liegen beide Länder - nämlich Russland und die Ukraine - wegen des bewaffneten Konfliktes wirtschaftlich darnieder.

Denn das Territorium, auf das sich die Kämpfe in der jüngeren Zeit konzentriert haben, die Donbass-Region (mit den Städten Luhansk und Donezk sowie den umliegenden Gebieten), war ursprünglich - nach der Hauptstadt Kiew - die reichste Region der Ukraine. Das bedeutete 7000 Euro pro Kopf nach Kaufkraft-Paritäten, das entsprach etwa einem Fünftel des europäischen und einem Drittel des russischen Niveaus. Das Wohlhabende war also nur im innerukrainischen Vergleich auszumachen.

Doch das gehört nun der Vergangenheit an. "Die Wirtschaft im Donbass ist nahezu zum Stillstand gekommen. Und dabei waren nicht einmal die Gefechte die Primärursache, sondern die Stromausfälle und die Unterbrechungen des Eisenbahnnetzes", berichtet Vasily Astrov, Ukraine-Experte des Wiener Instituts für Internationale Wirtschaftsvergleiche (WIIW). Der Donbass war vor dem Krieg für fast 16 Prozent der gesamten ukrainischen Wirtschaftsleistung verantwortlich und, als Heimat von Kohlebergwerken und der verarbeitenden Metallindustrie, für ein Viertel der ukrainischen Exporte. Die Region ist damit äußerst wichtig für die ukrainische Wirtschaft, während der Verlust der Krim und der Hafenstadt Sewastopol vergleichsweise verkraftbar gewesen sei - die zusammen nur knapp vier Prozent des ukrainischen Bruttoinlandsprodukts (BIP) erwirtschaftet haben.

Der Krieg in Donbass hat nun laut den Experten des WIIW bisher einen wirtschaftlichen Schaden von sieben bis acht Milliarden US-Dollar angerichtet.

Im Jahresvergleich ist die Industrieproduktion im August in Donezk um 60 Prozent zurückgegangen, in Luhansk sogar um sagenhafte 85 Prozent. Mehr als eine Million Menschen sind aus der Donbass-Region geflohen, einige in andere Gebiete in der Ukraine, doch der Großteil der Bewohner, nämlich fast 900.000 Donbass-Flüchtlinge, haben sich nach Russland gerettet. Das bedeutet, dass, selbst wenn sich die Situation in der Region entspannt, die langfristige wirtschaftliche Erholung auch schlicht wegen des Engpasses an Arbeitskräften gefährdet sein wird.