Für dieses Jahr geht das Wirtschaftsinstitut von einem Rückgang von acht bis zu zehn Prozent des Bruttoinlandsprodukts in der Ukraine aus, "das ist eine enorme Rezession", diagnostiziert Ökonom Astrov. Der Konflikt mit Russland hat die Exporte in das Nachbarland im ersten Halbjahr um ein Viertel einbrechen lassen, die heimische Nachfrage schwächelt, das Land kämpft mit einer Inflation: Die ukrainische Währung habe rund 65 Prozent an Wert verloren. Die Aussichten für eine Stabilisierung der Lage sind "höchst unsicher", die Beilegung des Konflikts mit Russland wäre jedenfalls unabdingbar.

Falls es im nächsten Jahr in der Ukraine nur zu einer Stagnation der Wirtschaft kommt, "wäre das schon ein sehr gutes Ergebnis", sagt Astrov. Es klingt, als halte er ein weiteres Jahr der Rezession für wahrscheinlicher. Klar ist auch, dass heuer der öffentliche Schuldenstand der Ukraine auf mehr als 60 Prozent des Bruttoinlandsprodukts steigen wird. Damit wird wohl oder übel eine Klausel in einer drei Milliarden schweren ukrainischen Staatsanleihe, die Russland hält, aktiviert: Nämlich dass, falls die gesamten Staatsschulden über 60 Prozent steigen, Russland den eigentlich bis Ende 2015 laufenden Bond sofort fällig stellen darf. So sehen es die Verträge vor. Die Ukraine wird damit zunehmend abhängig von externer Unterstützung.

Aber auch Russland leidet wirtschaftlich zunehmend unter dem Konflikt. "Die Sanktionen, die ich anfangs als symbolisch eingeschätzt habe, sind bei weitem nicht mehr nur symbolisch", räumt WIIW-Experte Peter Havlik ein. Das Investitionsklima habe sich spürbar verschlechtert, heuer mache die Kapitalflucht aus Russland schätzungsweise 100 Milliarden Dollar aus. Und dabei war Russland schon vor der Krise in einer wirtschaftlich schwierigen Lage und von Auslandsinvestitionen abhängig, um die eigene Wirtschaft zu diversifizieren. Havlik geht davon aus, dass Russland dieses Jahr nur um 0,5 Prozent wachsen wird - aber nur, wenn der Konflikt nicht weiter eskaliert und die Ölpreise nicht noch weiter sinken.

Geringe Auswirkungen auf
die EU und Österreich

Während die ukrainische und die russische Volkswirtschaft durch den Konflikt schweren Schaden erleiden, sind die Auswirkungen auf die EU trotz der beiderseitigen Sanktionen vergleichsweise gering. "Wenn es zu keiner weiteren Eskalation kommt, sind die Auswirkungen auf die österreichische Wirtschaft eher bescheiden", meint Havlik. Insgesamt gingen nur knapp über zwei Prozent der EU-Exporte nach Russland. "Österreich exportiert gar nur rund 1,4 Prozent von seinem BIP nach Russland", so Havlik.

Der Anteil der Russland-Exporte an der heimischen Wertschöpfung in Österreich betrage gar nur 0,6 Prozent - bei einem Rückgang der Exporte nach Russland um ein Zehntel, das entspreche der aktuellen Situation, würde das die österreichische Wirtschaftsleistung um weniger als 0,01 Prozentpunkte drücken.