Wien. Ein Hoax, wie man eine absichtliche Online-Falschmeldung nennt, hätte nicht besser ausgedacht sein können. Wann passiert es schon einmal, dass eine Drohne mit eine Großalbanien-Flagge durch ein serbisches Fußballstadion fliegt? Das dachten wohl viele, als die ersten Meldungen über den Spielabbruch kamen. Milena Djukanovic, eine serbische Zahnarzthelferin, die mit ihrem Freund ausgegangen war, statt wie der Großteil Südosteuropas vor dem Fernseher oder im Stadion zu sitzen, um das EM-Qualifikationsspiel Serbien gegen Albanien zu sehen, schrieb auf Facebook: "Drohne? Ist doch Schwachsinn."

Doch als immer mehr Fotos und Videos von dem Flugobjekt auf Facebook und dem Kurznachrichtendienst Twitter auftauchten, wendete sich das Blatt schnell. Seit der Unabhängigkeitserklärung des Kosovo im Februar 2008 hat man online selten eine solche Hochstimmung unter den Kosovo-Albanern erlebt. Aktivisten der nationalistischen Vetevendosje-Partei im Kosovo bezeichneten die Idee als "fantastisch", "genial"; Bilder mit Vorschlägen für ein drohnenförmiges Fußballstadion in Tirana machten die Runde.

Kosovarischer Minister zürnt Serbien

Doch auch moderate Albaner konnten sich das Grinsen nicht ganz verkneifen. Ein Politikwissenschaftsstudent aus Prishtina, der passenderweise Flamur (albanisch für Flagge) mit Vornamen heißt, schrieb: "Ich glaube, alle Kosovo-Albaner haben diese Aktion genossen. Ich kann mich da selbst nicht ausnehmen. Es ist schön, den Serben einmal eins auswischen zu können."

Auch von bosnischen Nutzern kam Häme und Schadenfreude. In Anlehnung an die Farbe der albanischen Flagge twitterten bosnische Jugendliche: "Serbien sieht wieder rot" und "Ist doch nur ein Fähnchen, ihr Neandertaler". Als gewaltbereite serbische Fans das Spielfeld stürmten und albanische Spieler attackierten, schlug die Freude schnell in blanke Feindseligkeit um. Plötzlich mischten sich auch hochrangige Politiker, wie etwa der kosovarische Kultur- und Sportminister Memli Krasniqi ein: "Wirst du es nie lernen, Serbien? Schäm dich!", twitterte er unter dem Schlagwort, genannt Hashtag, #AUTOCHTHONOUS. Das bedeutet so viel wie "einheimisch" und soll wohl ein Seitenhieb auf die Serben sein, von denen man oft annimmt, dass sie erst im sechsten Jahrhundert in der Balkanregion sesshaft geworden sind.

Wenig später breitete sich plötzlich lauffeuerartig auch das Gerücht aus, die Drohne sei vom Bruder des albanischen Premierministers Edi Rama aus der VIP-Zone gesteuert worden. Serbische Medien berichteten fälschlicherweise von seiner Verhaftung. Während einige ihm bereits online applaudierten, schrieben andere: "Olsi, geh zurück in die USA, deine Mafia-Familie hat sicher genug für die Staatsbürgerschaft bezahlt."

Albaner aus dem Kosovo und aus Mazedonien verteidigen die Drohnen-Aktion mit den Worten: "Die Flagge war ein Protestakt der Albaner in Belgrad. Ich verstehe, dass Menschen, die für Jahrzehnte unterdrückt wurden, diesen Anlass für einen friedlichen Protest in dieser symbolischen Stadt nutzen wollten." Ein Argument, dass in den Weiten des Netzes nicht lange hielt. Südosteuropäer in der Diaspora kritisierten die Aktion als offene Provokation von Gewalt. Andererseits schrieben viele, sie hätten bei diesem brisanten Spiel nichts anderes erwartet. Die Serbin Milana Knežević etwa twitterte resignierend: "Es ist deprimierend. Das hier ist genau der Grund, aus dem wir nie schöne Dinge haben können, Balkan."